../Verlag%20Hans%20Huber


Therapeutische Umschau 3/96
Ganzheitliche Psychiatrie


Ganzheitsmedizin aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht
The comprehensive approach in child and adolescent psychiatry

D. Bürgin, K. von Klitzing, B. Steck, B. Mohler

Kinder- und jugendpsychiatrische Universitätsklinik und -poliklinik, Basel

(Zusammenfassung, Summary)

Zusammenfassung

Bei einer ganzheitlichen Erfassung der Entwicklung eines Kindes oder Jugendlichen und ihrer Störungen ist ein multidisziplinärer Ansatz oft notwendig. In vielen Fällen hat der Kinder- und Jugendpsychiater deshalb auch koordinierende und integrierende Funktion, mit dem Ziel, biologisch-medizinische, psychologisch-psychiatrische, pädagogisch-soziale Perspektiven zu gewichten, entsprechende diagnostische Vorgehensweisen und Therapieangebote reflektiert aufeinander abzustimmen und die zielgerichtete Zusammenarbeit aller Beteiligter zu fördern.

Therapeutische Umschau Band 53, 1996, Heft 3 © Verlag Hans Huber AG, Bern

Summary

The development of a child or an adolescent and their (psycho-)pathological manifestations call often for a multidisciplinary approach. The specialist for child and adolescent psychiatry has in such situations a coordinating and integrating function with direct involvemment. His goal is therefore - be it during diagnostic or therapeutic procedures - to guarantee an attunement of biological, medicinal, psychological, psychiatric, pedagogical and social perspectives, to favor reflective conceptualisation and the cooperation of all the involved persons and institutions.

Therapeutische Umschau Band 53, 1996, Heft 3 © Verlag Hans Huber AG, Bern


Altern, Familienbeziehungen und Lebenslauf
Lifecourse and life-fulfillment

L. Rosenmayr

Institut für Soziologie der Universität Wien, Wien

(Zusammenfassung, Summary)

Zusammenfassung

Die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung drängt auf eine Umstrukturierung des Lebenslaufs. Davon wird auch die letzte Phase des Lebens entscheidend betroffen. Es entspricht nicht mehr den entfalteten Produktionsbedürfnissen, zuerst zu lernen, dann zu arbeiten und schliesslich zu geniessen. Formen von erwerbsorientierter oder gemeinschaftsbezogener freiwilliger Arbeit im Alter werden an die Stelle einer oft nur fiktiven "Lebensfreizeit" treten.

Altern und Lebenslauf werden sich künftig vermutlich als zwei verschiedene Prozesse beschreiben lassen. Der Lebenslauf wird entscheidend vom Selbst mitgetragen. Und das Selbst vermag zu handeln und sich so immer neu zu "gebären".

Die Alten der Zukunft werden eine Orientierung der Einwilligung in ihre Endlichkeit und der "Neugeburt" entwickeln müssen, wenn sie imstande sein wollen, gegen die blosse Anpassung an die gesellschaftlichen Moden eine eigene Lebensweisheit, damit auch Voraussetzungen für "Glauben", Vertrauen, Widerständigkeit, Risikobereitschaft und Abschiedsfähigkeit zu entwickeln.

Rehabilitative und therapeutische Werte vorausgesetzt, ist "intergenerationelle Befreieungsarbeit" als Klärung der Generationenverhältnisse nötig. Ein solcher Prozess bedeutet, dass man zwar Aufmerksamkeit und Zuwendung beibehält, dass aber eine Minderung von Zwängen eintritt. Befreiung heisst auch Gewinnung einer Fähigkeit, sich solidarisch, offen und damit wandlungsfähig gegenüber Kindern und Eltern einstellen zu können.

Therapeutische Umschau Band 53, 1996, Heft 3 © Verlag Hans Huber AG, Bern

Summary

Integration of sociological research findings into the study of late life individual development is attempted. The human lifecourse is presenting itself as de-standardized and individualized. Phases of renewed learning and selfmanaged changes become requirements for fulfilment in late life. The labor market and technological change contribute to the fragmentation of the life course. More attention has to be payed to train for a learning of relearning, and for the capacities of the self to respond creatively to changes in the biography. One important element in increased endeavour in this context is the attempt to face integenerational differences and to learn to grow with conflict even in old age.

Therapeutische Umschau Band 53, 1996, Heft 3 © Verlag Hans Huber AG, Bern


Das Ganze - Idee und Ideal
The whole - idea and ideal

C. Scharfetter

Psychiatrische Universitätsklinik, Zürich

(Zusammenfassung, Summary)

Zusammenfassung

Das Ganze ist Idealbild und Idealziel - als solches nie erreicht, immer nur intendiert. In der konkreten Aufgabe der Heilungsinteraktion, der Beziehung zwischen Arzt und Patient, kann nie Ganzheit erreicht werden. Man muss sich mit einem perspektivenreichen Zugang begnügen: multikonditionale Analyse jedes Einzelfalles unter Berücksichtigung von somatisch-physiologischen, individuell-psychologischen, sozial-interpersonellen und transpersonalen Bereichen. Therapeutische Angebote sollen dem Bedürfnis des Patienten angepasst werden und auf die genannten Bereiche eingehen - ohne vorzugeben, das Ganze des Menschen zu erfassen.

Therapeutische Umschau Band 53, 1996, Heft 3 © Verlag Hans Huber AG, Bern

Summary

The concept of the whole as an ideal of gestalt and value is sketched. In the concrete situation of healer and patient a multiperspective approach rather than a realization of wholeness has to be enough, taking into account somatic, physiological, intraindividual-psychological, interpersonal-social and transpersonal aspects of personalities in diagnosis and treatment.

Therapeutische Umschau Band 53, 1996, Heft 3 © Verlag Hans Huber AG, Bern


Möglichkeiten und Ziele der naturwissenschaftlichen Psychiatrie
Prospects for a scientific psychiatry

H. Hinterhuber1, C. Barnas2

1 Universitätsklinik für Psychiatrie, Innsbruck
2 Universitätsklinik für Psychiatrie, Wien

(Zusammenfassung, Summary)

Zusammenfassung

Die Psychiatrie ist zu einem der komplexesten und schwierigsten, aber vielleicht auch hoffnungsvollsten Forschungsfeld der modernen Medizin geworden. Psychiatrische Forschung impliziert in allen Bereichen interdisziplinäre Kooperation, die allein in der Lage ist, Untersuchungen auf verschiedenen Ebenen durchzuführen, die von molekularbiologischen Studien bis zur Analyse komplexer, sozialer Interaktionen reichen. Zielführend sind Mehrebenenstrategien und Mehrebenenmodelle.

Die psychiatrische Forschung ist auf zwei Ziele gerichtet: das therapeutische Ziel strebt die Prävention psychiatrischer Erkrankungen und deren optimale Therapie sowie eine Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen an; das Erkenntnisziel dient der Vertiefung des Verständnisses von biologischen und psychologischen Vorgängen, die den pathologischen Prozessen zugrundeliegen oder die als Schutzwirkung gegenüber bestehenden Risikosituationen dienen.

Dank der Fortschritte der neuropsychiatrischen Forschung können wir realistisch annehmen, dass wir kurz vor der Entdeckung der biologischen Basis vieler psychiatrischer Erkrankungen stehen und es in naher Zukunft auch gelingen wird, den Einfluss der Umweltfaktoren auf ihren Verlauf besser abzuschätzen.

Therapeutische Umschau Band 53, 1996, Heft 3 © Verlag Hans Huber AG, Bern

Summary

Psychiatry has become one of the most complex and most difficult, but perhaps also one of the most promising fields of investigation in modern medicine. Psychiatric research involves interdisciplinary cooperation, by which alone, multi-level investigations in all areas, ranging from studies in molecular biology to analyses of complex social interactions, can be carried out. Successful research calls for multilevel strategies and multi-level models.

Psychiatric research aims at achieving two goals: first, prevention of psychiatric illnesses, their optimal treatment, as also improvement of the quality of life of patients constitute the therapeutic aim; the second target is to deepen our understanding of the biological and psychological processes of the underlying pathology and of those factors that serve to protect the patient from existing risk situations.

Advances in neuropsychiatric research support the realistic assumption that we are on the brink of discovering the biological basis of various psychiatric illnes and that in the near future we would also succeed in assessing the influence of environmental factors on their course.

Therapeutische Umschau Band 53, 1996, Heft 3 © Verlag Hans Huber AG, Bern


"Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt..." Das ärztliche Gespräch in seiner integralen Bedeutung
And when agony strikes one dumb... The medical dialogue

W. Pöldinger

(Zusammenfassung, Summary)

Zusammenfassung

Das ärztliche Gespräch ist die Basis jeder Arzt-Patientenbeziehung und besteht aus mehreren Teilen. Das diagnostische Gespräch umfasst einen symptomorientierten und einen problemorientierten Teil. Im symptomorientierten Teil müssen möglichst viele Symptome systematisch erfasst werden, um zu einer Diagnose zu kommen; im problemorientierten Teil muss das Gespräch frei sein, damit die Patienten die Möglichkeit haben auf ihre Probleme zu kommen, ohne sich beeinflusst zu fühlen.

Im therapeutischen Teil des Gesprächs muss das Problem Gestalt annehmen und müssen die Problemlösungsmöglichkeiten diskutiert werden. Die Entscheidung sollte beim Patienten liegen.

Therapeutische Umschau Band 53, 1996, Heft 3 © Verlag Hans Huber AG, Bern

Summary

The medical dialogue constitutes the basis of every doctor-patient relationship and it consists of more parts. The diagnostical dialogue comprises of a symptome-oriented and of a problem-oriented part. In the symptome-oriented part there have to be as many as possible symptoms systematically ascertained to come to a diagnosis, in the problem-oriented part the dialogue must bei quite free to enable the patients to realise their problems without them getting the feeling of having been influenced.

In the therapeutic part of the dialogue the problem has to take shape and the possibilities of its solution has to be discussed. The decision should be made by the patient.

Therapeutische Umschau Band 53, 1996, Heft 3 © Verlag Hans Huber AG, Bern


"Du sollst mehr werden, Als Du bist:" Auf dem Weg zu einem ganzheitlichen Konzept der Psychotherapie.
"Make more of yourself than what you are:" On the way to an integrated concept of psychotherapy

W. Pöldinger, A. Jakobitsch

(Zusammenfassung, Summary)

Zusammenfassung

Man kann die Geschichte der Psychotherapie natürlich rein medizinhistorisch beschreiben. Man kann dies aber auch unter den Gesichtspunkten der Entwicklung sehen, und dann zeigt sich, dass bei einer evolutionären Betrachtungsweise ein tieferer Sinn in dieser Entwicklung steckt, so kann man beispielsweise, wenn man speziell die Tiefenpsychologie im Auge hat, feststellen, dass es eine Entwicklung von biopsychologischen über soziale bis zu spirituellen Konzepten gegeben hat. Damit kommt es aber auch wieder zu einer Annäherung von Psychotherapie und Seelsorge, zwischen welchen es durch das Freudsche Konzept, dass religiöse Bedürfnisse Ausdruck neurotischer Entwicklungen seien, zerbrochen wurden.

Therapeutische Umschau Band 53, 1996, Heft 3 © Verlag Hans Huber AG, Bern

Summary

One can of course tell the story of psychiatry based purely on medicine history, but if one examines it from the point of view of evolution, one discovers a profound meaning in its development. Considering for instance deep psychiatry, one can ascertain that a development had definitely taken place starting from the biopsychological going on to social and finally to spiritual concepts. This draws psychotherapy and pastoral duties closer to one another again and thus cancels the Freudean concept according to which religious need is the expression of neurotic development.

Therapeutische Umschau Band 53, 1996, Heft 3 © Verlag Hans Huber AG, Bern


Verhaltenstherapie und Psychiatrie
Behaviour therapy and psychiatry - prelude to an holistic concept

H.G. Zapotoczky, G. Langs

Universitätsklinik für Psychiatrie, Graz

(Zusammenfassung, Summary)

Zusammenfassung

Gesamtbehandlung kann zu einem Schlagwort verkommen. An zwei modellhaften Themenstellungen - der Kombinationsbehandlung Verhaltenstherapie und Psychopharmakotherapie bzw. Biofeedbackverfahren in der Psychiatrie - wird die Integration verschiedener Behandlungsformen zu einem therapeutischen Gesamtwerk aufgezeigt. Die Qualität einzelner therapeutischer Konzepte zeigt sich unter Umständen auch darin, wie sehr sie (und mit welchen Abstrichen, mit welchen Akzentuierungen) miteinander kombiniert werden können; haben doch die einzelnen Therapiemethoden (bis auf einige wenige eklektische) von der Überzeugung einer allein seligmachenden Wirkung Abstand genommen. Dies hat freilich auch Konsequenzen für Psychopathologie und Diagnostik, die viel exakter angewandt werden müssen. Gesamtschau heisst Vernetzung, Gesamtbehandlung muss daher grössere Detailkenntnis in psychopathologischer und diagnostischer Hinsicht, aber auch was die therapeutischen Finessen der einzelnen Behandlungsmethoden anbelangt, zur Voraussetzung haben.

Therapeutische Umschau Band 53, 1996, Heft 3 © Verlag Hans Huber AG, Bern

Summary

"Holistic therapy" can be just a slogan, a catchword. Two examples - the combination of behaviour therapy and pharmacotherapy on one side, the use of biofeedback in psychiatry on the other - shall present the possible integration of different therapeutic strategies into a holistic concept. The quality of different therapeutic concepts may be influenced by their possible combination. No more any therapeutic method (except some eclectic ones) can see itself as the one and only cure for everything. Of course this view has a consequence on psychopathology and diagnosis, which have to be more exact under these premises. A holistic treatment requires more knowledge about details in psychopathology and diagnosis as well as about therapeutic methods.

Therapeutische Umschau Band 53, 1996, Heft 3 © Verlag Hans Huber AG, Bern


Körperzentrierte Psychotherapie IKP: Ganzheits-Psychotherapie
Body-centered psychotherapy IKP: holistic-psychotherapy

Y. Maurer-Groeli

Institut für Körperzentrierte Psychotherapie IKP, Zürich

(Zusammenfassung, Summary)

Zusammenfassung

Die Körperzentrierte Psychotherapie IKP wird in diesem Artikel unter dem Aspekt der Ganzheitlichkeit beleuchtet. Es wird zunächst wissenschaftstheoretisch zusammengefasst, inwiefern Wissenschaftlichkeit bzw. das Wissenschaftssystem im Wandel begriffen ist, auch hinsichtlich Detail- und Ganzheitswissen. Dabei wird auf das gängige Paradigma "in die Tiefe" verwiesen, das durch dasjenige der Breite ergänzt werden sollte. Unter Einbezug eines Beispiels wird dies im Zusammenhang mit ganzheitlich-multirelationalem Denken, Diagnostizieren und Therapieren im Rahmen einer therapeutischen emotionalen Begegnungsbeziehung (Gestaltansatz) beschrieben.

Therapeutische Umschau Band 53, 1996, Heft 3 © Verlag Hans Huber AG, Bern

Summary

Body centered Psychotherapy IKP is treated in this article under the aspect of a holistic approach. First the theory and the system of science are summarised and shown as to which amount they are changing concerning knowledge of details and wholeness. It is pointed out that the actual paradigma "to the depth" has to be completed by that of "wideness". The way of holistic-multirelational thinking, stating a diagnosis and doing therapy is demonstrated along a case study going on at the background of a therapeutic encounterrelationship which is emotionally warm (Gestalt-approach).

Therapeutische Umschau Band 53, 1996, Heft 3 © Verlag Hans Huber AG, Bern


Auf dem Weg zu einer funktionellen Diagnostik in der Psychiatrie. Das Serotoninmangel-Syndrom
Psychiatry on the way towards functional diagnostic.- The serotonin-deficiency syndrome

W. Pöldinger, S. Macke

(Zusammenfassung, Summary)

Zusammenfassung

Die bisherige Klassifikation in der Psychiatrie richtet sich vor allem nach psychopathologischen Symptomen und Syndromen zusätzlich lebensgeschichtlicher und familiengeschichtlicher Faktoren. Mit der Entdeckung des Serotoninmangel-Syndroms ist es erstmals gelungen, verschiedene psychopathologische Zustandsbilder mit einer biochemischen Störung zu korrelieren, womit sich bei aller Vorläufigkeit die Möglichkeit einer neuen Indikationsstellung, nämlich auf der Basis funktioneller Zielsyndrome, in der Psychiatrie ergibt.

Therapeutische Umschau Band 53, 1996, Heft 3 © Verlag Hans Huber AG, Bern

Summary

The classification of psychiatry to date is governed firstly by psychopathological symptoms and syndromes in addition to factors of personal and family history. It succeeded for the first time after discovering the serotoninshortage syndrome, to correlate the different psychopathological conditions with a biochemical disturbance, as the result of which a new indication orientation based on a functional target syndrome could come about in psychiatry.

Therapeutische Umschau Band 53, 1996, Heft 3 © Verlag Hans Huber AG, Bern


Rehabilitation braucht die Ganzheitlichkeit besonders
Holistic view as special request for rehabilitation

G.S. Barolin

Ludwig-Boltzmann-Institut für Neuro-Rehabilitation und -Prophylaxe, A-6800 Feldkirch

(Zusammenfassung, Summary)

Zusammenfassung

Rehabilitation bedingt Interdisziplinarität und Langfristigkeit, einschl. einer Dauer-Begleitfunktion. Das kommt in der Alters-Rehabilitation besonders zum Tragen. Diese ist durch die demographische Umschichtung unserer Bevölkerung ein ständig an Bedeutung wachsendes "neues" (und bisher noch weitgehend unterbelichtetes) Gebiet für Sozialmedizin und Wissenschaft geworden.

Auch Schmerzrehabilitation kann nur unter ganzheitlichem Ansatz ("multifaktoriell") optimal zur Wirkung gelangen.

Der Mensch muss als bio-psycho-soziale Einheit erfasst werden. Dazu gehört neben den körperlichen und medikamentösen Massnahmen das Eingehen auf Stimmungen, Verstimmungen und auf die Umwelt. Dies bedingt den Einsatz der von uns sogenannten "integrierten Psychotherapie", insbes. auch in der Rehabilitation (basal für jedermann, sowie im Rahmen spezieller Methodik).

Es bedarf komplexer Rehabilitations-Programme im Rahmen interdisziplinärer Teamarbeit, einerseits fachspezifisch im Sinne der optimalen wissenschaftlichen Weiterentwicklung, anderseits jedoch fachübergreifend, damit nicht einer sich auf den anderen verlässt, und der Patient zwischen den Fachdisziplinen zu kurz kommt. Das kann nur unter Einschluss von Öffentlichkeitsarbeit und politischer Umsetzung funktionieren, wozu alle Zuständigen aufgerufen sind.

Therapeutische Umschau Band 53, 1996, Heft 3 © Verlag Hans Huber AG, Bern

Summary

Rehabilitation comprises interdisciplinarity and long-time continuity including permanent accompaniment. In "Alters-Rehabilitation" (geriatric rehabilitation) this counts specially, according to the demographic steady growth of its importance. Neither social medicine nor rehabilitation science up to now have sufficiently taken up this "new challenge". Regarding human being as biopsycho-social entity demands, besides somatic and pharmacological approach, regarding of mood, distress and environment. The by us so called "integrated psychotherapy" has to be applied as well in its basilar dimension (for everybody dealing with geriatric patients) as well as in specialized proportions.

Same counts for pain-rehabilitation.

A complex rehabilitation program wants an interdisciplinary team. By further specialisation should scientific progress be stimulated. Interdisciplinarity and overlapping however should ensure that patients do not get lost between the specialisations.

All this only can work and progress by stimulating public opinion and political collaboration. These are large tasks for the rehabilitationists in the future.

Therapeutische Umschau Band 53, 1996, Heft 3 © Verlag Hans Huber AG, Bern


Integrative Konzepte in der modernen forensischen Psychiatrie
Integral concepts in modern forensic psychiatry

V. Dittmann

Abteilung forensische Psychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel

(Zusammenfassung, Summary)

Zusammenfassung

Forensisch-psychiatrische Tätigkeit darf niemals Selbstzweck sein, sie ist stets auf eine juristische Fragestellung auszurichten. Es handelt sich um eine öffentliche Aufgabe, bei der sowohl die Interessen der zu begutachtenden oder zu behandelnden Täter als auch die Sicherheitsinteressen der gesamten Bevölkerung zu berücksichtigen sind. Wesentliche Fortschritte der forensischen Psychiatrie in den letzten Jahren sind integrativen, ganzheitlichen Konzepten zu verdanken. Bei der Beurteilung der Zurechnungsfähigkeit bedient man sich insbesondere der neuen methodischen Ansätze in der psychiatrischen Diagnostik wie Operationalisierung von Diagnosen, Anwendung quantifizierender Instrumente zur Einschätzung von Schweregraden und umfassender multiaxialer Diagnosensysteme. Als diagnostisches Referenzsystem steht derzeit die ICD-10-Klassifikation der WHO im Vordergrund. Eine juristisch akzeptable Einschätzung der Zurechnungsfähigkeit basiert auf einer ganzheitlichen und systematischen Analyse aller wichtigen, zum Zeitpunkt der Tat wirksamen Einflüsse wie aktuelle Tatsituation, Umfeld, Einfluss psychotroper Substanzen, psychosoziale Stress-Situationen, biographische Einflüsse und Vorliegen psychischer Störungen. Prognostische Einschätzungen eines Täters sind den urteilenden Behörden in vielen Fällen gesetzlich zwingend vorgeschrieben. Bei der Vorbereitung dieser Entscheide wirkt die forensische Psychiatrie auf der Basis klinisch-empirischer Erfahrungen bei der Risikokalkulation mit, wobei Faktoren wie bisherige Kriminalitätsentwicklung, Analyse der Tat, Art der psychischen Störung, Einsicht des Täters in seine Normabweichung, soziale Kompetenz und Konfliktverhalten, Auseinandersetzung mit der Tat, Therapiemöglichkeiten und Therapiebereitschaft, sozialer Empfangsraum und Verlauf nach der Tat im Rahmen einer Gesamtschau zu berücksichtigen sind. Vor allem bei der Therapie forensischer Hochrisikopatienten wie paraphil fixierten sexuell devianten Tätern, Aggressionstätern mit Wahnvorstellungen, die auf eine Person oder eine bestimmte Person oder eine bestimmte Personengruppe bezogen sind und jenen Tätern, die aufgrund von Impulskontrollstörungen zu aggressiven Handlungen neigen, kann ausschliesslich ein integrativer Therapieansatz in einem multiprofessionellen Behandlungsteam erfolgreich sein. In diesem Bereich besteht in der Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern Europas noch eine deutliche Unterversorgung, da gesicherte Einrichtungen für besonders gefährliche Täter weitgehend fehlen. Das umfangreiche kasuistische forensisch-psychiatrische Material sollte unter Zuhilfenahme einer wissenschaftlichen Basisdokumentation und auch im Rahmen von multizentrischen Studien für die wissenschaftliche Analyse vermehrt nutzbar gemacht werden, um noch bessere Risikokalkulationen und effizientere Therapieverfahren zu ermöglichen.

Therapeutische Umschau Band 53, 1996, Heft 3 © Verlag Hans Huber AG, Bern

Summary

Forensic psychiatric diagnosis and treatment should be guided by juridical goals and never be an end in itself. As a whole it is a public service concerning the interests of the perpetrators and the security of the entire population as well. Recent progress in forensic psychiatry is based on integral and comprehensive concepts. In the evaluation of criminal responsibility the new approaches of psychiatric diagnosis like operationalism, application of quantificating instruments and multiaxial diagnostic systems are of considerable importance. The ICD-10 classification of WHO can now be regarded as our reference system. To be acceptable for juridical purposes the evaluation of criminal responsibility has to be based on a systematical analysis of all important factors like actual situation of crime, environment, influence of psychotropic substances, psychosocial stressors, infleunces of biography and mental disorders. Assessment of prognosis is obligatory by law in many cases. These are juridical decisions, which have to be prepared by the psychiatric experts in the form of risk evaluations considering factors like development of declinquency, analysis of crime, kind of mental disturbance, insight of the perpetrator in his disorder, social competence, selfexamination of the perperator of his crime, possible therapies and social circumstances after discharge. Only an integral multiprofessional appraoch can be regarded as successful in the therapy of forensic high risk patients with paraphilas and aggressive impulse-control disorders. In Switzerland there is still a considerable lack of appropriate institutions for these patients. The vast amount of data accumulated during forensic psychiatric routine should be analysed in multicenter studies with scientific documentation systems to achieve progress in forensic risk calculation and efficiency of therapies.

Therapeutische Umschau Band 53, 1996, Heft 3 © Verlag Hans Huber AG, Bern


wwwadmin@hanshuber.com, 26. Juni 1997