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Therapeutische Umschau 5/97
Rechtsmedizin


Ärztliche Funktion beim Todesfall: ein letzter Dienst am Patienten und eine Schlüsselstellung für die Rechtssicherheit
Medical function in the case of death: a final service to the patient and a key factor in upholding the law

U. Zollinger, D. Wyler

Institut für Rechtsmedizin, Universität Bern

(Summary)

Zusammenfassung
Der letzte Dienst des Arztes1 am Patienten ist es, dessen Tod festzustellen und den Angehörigen Trost zu spenden. Die unzweifelhafte Todesfeststellung kann mit Fug und Recht als die wichtigste Diagnose bezeichnet werden, weshalb sie mit aller Vorsicht zu stellen ist. Abgesehen von speziellen Bedingungen auf der Intensivstation, wo unter anderem im Hinblick auf eine Organtransplantation nach den Richtlinien der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften zu verfahren ist, muß zwingend auf das Vorhandensein sicherer Todeszeichen geachtet werden. Dem Arzt, der den Tod feststellt, kommt zudem eine Schlüsselstellung bei der Erfassung des sogenannten außergewöhnlichen Todesfalles zu, der - auch bei noch so «klaren», unverdächtigen Umständen - der Meldepflicht unterliegt. Dies gilt auch für Spät-Todesfälle im Spital nach einem Unfall oder einer anderen Gewalteinwirkung, ist doch gerade hier die Abklärung des Kausalzusammenhanges zwischen diesem Ereignis und dem Tod von entscheidender Bedeutung. Von der Qualität der ärztlichen Leichenschau und der Beachtung der Meldepflicht hängt es somit ab, ob letztlich eine Fremdeinwirkung bei einem Todesfall erkannt oder aber eindeutig ausgeschlossen werden kann. Nur am Rande wird auf die zusätzlichen Aufgaben eingegangen, die einem Arzt erwachsen, wenn er im Auftrag der Untersuchungsbehörde eine Legalinspektion bei einem außergewöhnlichen Todesfall vorzunehmen hat. Diese setzen eine entsprechende Erfahrung des Arztes voraus, weshalb die in einigen Kantonen bekannte Institution von Amts-, Kreis- oder Bezirksärzten aus rechtlicher und rechtsmedizinischer Sicht nur zu begrüßen ist.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 5 ©; Verlag Hans Huber AG, Bern

Summary
The final service a doctor gives to his* patients is to confirm death and to comfort the relatives. The unequivocal confirmation of death can, with complete justification, be considered the most important diagnosis so that it must be reached with every precaution. Apart from special conditions in intensive care units, where the guidelines of the Swiss Academy of Medical Sciences have to be followed with a view to using organs for transplantation, for example, the presence of reliable signs of death must absolutely be confirmed. The doctor who confirms death plays a key role in detecting so-called unusual deaths which require notification even in «clear», non-suspicious circumstances. This also applies to late deaths in hospital after an accident or other violence, where the clarification of the causal connection between this event and death is of decisive relevance. The detection or unequivocal exclusion of an outside influence in the death thus depend on the quality of the medical post-mortem examination and compliance with the duty of notification. The additional tasks falling to a doctor when he undertakes a legal inspection at the request of the examining authority in the case of an unusual death are discussed here only in passing. These tasks presuppose that the doctor has appropriate experience, which is why only official or district physicians from named institutions are accepted from the legal and forensic points of view in some Cantons.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 5 ©; Verlag Hans Huber AG, Bern


Die ärztliche Untersuchung von Opfern sexueller Gewalt
The medical examination of sexual assault victims

D. Wyler, M. Hochmeister und U. Zollinger

Institut für Rechtsmedizin, Universität Bern

(Summary)

Zusammenfassung
Die Untersuchung einer Geschädigten und falls möglich auch eines oder mehrerer Tatverdächtiger hat zwei wesentliche Aufgaben zu berücksichtigen: Erstens soll eine Beweismittelsicherung von seiten der Medizin erfolgen und andererseits müssen die auf den erhobenen Befunden basierenden Erkenntnisse - sobald das Opfer sich zur Anzeige entschlossen hat - in einer gutachterlichen Form interpretiert werden, damit sie zusätzlich zu den kriminalistischen Erhebungen einem Untersuchungsrichter1, also einem medizinischen Laien, die rechtliche Würdigung des Vorgefallenen ermöglichen.
Praktizierende wie auch in einem Spital tätige Ärzte können gegebenenfalls mit der Untersuchung von Opfern sexueller Gewalt betraut werden. Eine Untersuchung durch einen Rechtsmediziner findet in der Regel nur statt, wenn ein Opfer Anzeige erstattet hat und damit verbunden ein polizeilicher oder untersuchungsrichterlicher Auftrag zur rechtsmedizinischen Untersuchung und Begutachtung eingegangen ist.
Die vordringlichsten ärztlichen Aufgaben bei solchen Untersuchungen sind der Nachweis von Gewalt sowie die korrekte Dokumentation und Asservierung biologischer Spuren. Wie uns regelmäßig Anfragen von Ärzten zeigen, bestehen vor allem über die Art und Weise einer korrekten Dokumentation der Befunde sowie über die Asservierungstechniken erhebliche Unsicherheiten. Jedes Institut für Rechtsmedizin der Schweiz unterhält einen Pikettdienst und steht Ärzten rund um die Uhr für Auskünfte zur Verfügung; die Kontaktnahme erfolgt am besten über die Notrufnummern der lokalen Polizeiorgane.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 5 ©; Verlag Hans Huber AG, Bern

Summary
Two vital tasks have to be taken into account in the examination of a victim and, if necessary, of one or more suspects also: Firstly, medical evidence must be reliably obtained, and secondly, the knowledge based on the findings obtained must, as soon as the victim has decided to notify the police, be interpreted in an expert form so that apart from explaining the criminal matters to an examining judge, i.e. a medical layman, it allows a legal assessment of the incident. Doctors in general practice and working in hospitals may occasionally be entrusted with the examination of sexual assault victims. As a rule, a forensic examination is only performed if a victim has notified the police and this examination and opinion are requested by the police or court. The most pressing medical task in such examinations is to confirm the assault and to undertake correct documentation and exhibition of biological traces. As has been shown by regular questioning of doctors, there is considerable uncertainty concerning the nature and method of correct documentation of the findings as well as the techniques for preparing exhibits. Each institute of forensic medicine in Switzerland maintains a flying service and keeps doctors available for advice round the clock; they can best be contacted through the emergency numbers of the local police forces.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 5 ©; Verlag Hans Huber AG, Bern


Ärztliche Maßnahmen bei Schußverletzungen
Gunshot wound and medical procedures

Th. Sigrist

Institut für Rechtsmedizin, Kantonsspital St.Gallen, St.Gallen

(Summary)

Zusammenfassung
Anhand der vermittelten Grundkenntnisse über die Vorgänge beim Schuß werden jene ärztlichen Maßnahmen verständlich gemacht, die im Einzelfall nötig sind, um spätere kriminalistische Fragen zum Schußgeschehen und zu weiteren tatrekonstruktiven Aspekten beantworten zu können. Die wichtigsten Maßnahmen sind die exakte Dokumentation der Schußwunden, die Exzision und seitengetrennte Asservierung der Wundränder, die sorgfältige (atraumatische) Sicherstellung des Projektils, die Aufbewahrung der Bekleidung und die Unterlassung der Reinigung der Hände des Patienten. Auf einige rechtliche Aspekte wird eingegangen.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 5 ©; Verlag Hans Huber AG, Bern

Summary
In this paper the basic knowledge about the morphology of gunshot wounds is presented, which should help the physician to answer the most important questions imposed on a criminal case. The paramount measures to be taken are the documentation of the gunshot wounds, the excision of the injury and separated asservation of each lip of the wound, the careful asservation of the projectile, the asservation of the victim's clothes and the omission of cleaning the hands of the victim. Some forensic aspects are demonstrated, particularly the professional discretion respectively the obligation to notify the authorities.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 5 ©; Verlag Hans Huber AG, Bern


Biomechanik und Verletzungsverhütung im Straßenverkehr
Biomechanics and injury prevention in traffic accidents

F. Walz

Institut für biomedizinische Technik der Universität/ETH Zürich

(Summary)

Zusammenfassung
In erster Linie ist es die Geschwindigkeit, die über die Verletzungsschwere entscheidet. Dies gilt vor allem im Hinblick auf den Schutz von Fußgängern und Zweiradfahrern. Die heutigen wirksamen Systeme der Fahrzeugsicherheit wie Lenksysteme, Bremsen, Fahrzeugkonstruktion allgemein, Airbags, Kopfstützen, Schutzhelm etc. haben ein Stück weit das gesunde Gefahrenbewußtsein verdrängt. Weitere Fortschritte sind durch optimiertes Zusammenwirken von Gurt, Airbag und weiteren Rückhaltesystemen, sowie verstärkter Fahrgastzellstruktur zu erwarten. Versteifte Flanken und energieabsorbierende Polsterungen, allenfalls Seitenairbags und optimal angepaßte beziehungsweise sich automatisch einstellende Kopfstützen können weitere Verbesserungen bringen.Rekonstruktionen und Kausalitätsbeurteilungen werden z.B. bei HWS-Weichteiltraumatisierungen, fraglichen Überrollungen, der Gehrichtung von angefahrenen Fußgängern, Fragen nach dem Gurt- oder Helmtragen gefordert; es ergeben sich aber oft juristische Probleme, wenn die Kausalität rein nach klinischen Gesichtspunkten geprüft wird, aber die Mechanik des auslösenden Ereignisses gar nicht genau bekannt ist. Es ist deshalb empfehlenswert, sich bei diesen komplexen Vorgängen nicht aufs physikalische Glatteis zu begeben und die Analysen trotz Druck der Auftraggeber schon primär den entsprechenden Fachleuten zu überlassen.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 5 ©; Verlag Hans Huber AG, Bern

Summary
The main predicting factor for the injury severity is «speed». This fact is predominantly important with regard to the protection of pedestrians and two wheelers. Today's safety features such as new steering and breaking systems, car body construction, seat belts, head restraints and crash helmets etc. let us sometimes overlook the hazards on the road. However, further improvements can be expected from advanced restraint system combinations, reinforced frontal and lateral car structures and padding, perhaps side air bags and automatically adjusted head restraint systems. Collision reconstruction and assessment of causality are needed, e.g., in cases of soft tissue neck injuries, questionable overrunning, walking direction of impacted pedestrians, uncertain belt or helmet wearing etc. Considerable legal problems arise if the causality is judged only from clinical point of view while the important criterion of collision mechanics is not taken into account in acceptable quantitative detail. Therefore it is recommended that determining the causality of a mechanical event should be left to specially trained professionals.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 5 ©; Verlag Hans Huber AG, Bern


Probleme bei der Beurteilung der Fahreignung in der hausärztlichen Praxis
General driving capability assessment problems encountered by general practitioners

R. Seeger

Verkehrsmedizinische Abteilung, Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich-Irchel

(Summary)

Zusammenfassung
Mehr als die Hälfte aller erwachsenen Personen in der Schweiz sind Motorfahrzeuglenker. Zum sicheren Führen eines Motorfahrzeuges sind gewisse medizinische Mindestanforderungen gesetzlich vorgeschrieben. Inhaber von höheren Fahrkategorien und alle Motorfahrzeuglenker über 70 Jahren unterstehen periodischen medizinischen Kontrolluntersuchungen, die in den meisten Kantonen der Schweiz von den behandelnden Hausärzten vorgenommen werden. In der vorliegenden Übersicht werden die wichtigsten gesetzlichen Grundlagen und das praktische Vorgehen bei verkehrsmedizinischen Kontrolluntersuchungen erläutert. Häufige und wichtige verkehrsmedizinische Problemkreise wie Einschränkung der Sehleistung, Alkoholismus, Drogensucht, beginnende Demenz und weitere verkehrsmedizinisch einschränkende Zustände im Rahmen von bestehenden Grundkrankheiten werden vorgestellt. Der Anteil der durch medizinische Ursachen bedingten Straßenverkehrsunfälle ist nicht zu vernachlässigen. Da der behandelnde Arzt grundsätzlich berechtigt ist, jede Person, bei der die Fahreignung nicht mehr gegeben scheint, zu melden, kommt der Beurteilung der Fahreignung in der hausärztlichen Praxis auch außerhalb von speziellen verkehrsmedizinischen Kontrolluntersuchungen eine große Bedeutung zu. Der beurteilende Hausarzt trägt dabei eine große Verantwortung, indem er die Interessen des Individuums gegenüber derjenigen der Gesellschaft abwägen muß. Die Problematik der Fahreignungsbeurteilung durch den behandelnden Hausarzt und mögliche Vorgehensweisen bei Uneinsichtigkeit des Probanden werden vorgestellt.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 5 ©; Verlag Hans Huber AG, Bern

Summary
More than half of the Swiss adult population posesses a valid driver's licence. To safely drive a car, certain medical demands are requested by law. Drivers of trucks, taxis and coaches and all drivers past the age of 70, must undergo a periodical medical examination. These examinations are usually performed by general practitioners. The most important legal foundations and the medical examination procedure are explained in this publication. Frequent diseases affecting the patient's driving ability such as poor vision, alcoholism, drug abuse, the early stages of dementia and other physical impairments are presented. Not to be neglected are the number of road traffic accidents resulting from medical reasons. The general practitioner is authorized to contact the authorities if he feels a patient is no longer capable of driving. For this reason, general practitioners should also be aware of the patient's driving capability other than during a periodical traffic examination. The inidvidual's interests have to be carefully considered as opposed to that of society. The problems of general driving capability assessment performed by the general practitioner and possible procedures in case of patient's disagreement are presented.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 5 ©; Verlag Hans Huber AG, Bern


Verkehrsmedizinische Fragestellung in Spital- und Praxisalltag: Fahrfähig?
Able to drive, doctor? - That's the question!

R. Hauri-Bionda und A. Friedrich-Koch

Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich

(Summary)

Zusammenfassung
Mobilitätsansprüche auf der einen, gesteigertes Sicherheitsbedürfnis auf der anderen Seite verlangen vom Arzt ein zunehmendes verkehrsmedizinisches Engagement. Durch kompetentes und professionelles Vorgehen soll er präventiv zur Sicherheit im Straßenverkehr beitragen (z.B. Aufklärung über die Auswirkungen des verordneten Medikamentes auf die Fahrfähigkeit). Es wird von ihm aber auch erwartet, daß er im Interesse der Allgemeinheit als Fachperson zur Eruierung nicht fahrfähiger Fahrzeuglenker beiträgt. Durch die sorgfältige, standardisierte und reproduzierbare klinische Untersuchung werden zusammen mit der korrekten Blut- und Urinasservierung ärztlicherseits erst die notwendigen Voraussetzungen geschaffen, die Fahrunfähigkeit eines Lenkers nachzuweisen. Die Kenntnis der Auswirkungen der wichtigsten Stoffgruppen auf die verkehrsrelevanten psychophysischen Leistungsbereiche sorgt einerseits für einen speditiven Untersuchungsgang, andererseits als Folge des begründbar gerichteten chemischen Analysenauftrages direkt für eine Minimierung des Aufwandes in der chemischen Untersuchung und damit für die Einsparung von Kosten. Letztlich wird durch ein einheitliches Vorgehen die ärztliche Verantwortung der Allgemeinheit gegenüber wahrgenommen und die Rechtssicherheit verbessert.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 5 ©; Verlag Hans Huber AG, Bern

Summary
On account of the right to mobility on the one hand and increased necessity for traffic safety on the other, physicians are more and more required to enhance involvement in traffic medicine. By the means of competent and professional acting, physicians should preventively contribute to traffic safety (i.e. by informing about the influence of medical treatment on driving ability). It is a matter of public interest to medically trace drivers not able to drive. Proof of driving inability presupposes carefully done, standardized and reproducible clinical examination, along with the correct sampling of blood and urine. The knowledge of the most common pharmaceutical substances' effects on relevant traffic-related psycho-physical performances ensures timesaving medical examination and, due to the possibility to carry out more specific chemical analyses, important minimalization of the costly chemical analyses and therefore to less overall expenses. Finally, standardized proceeding makes possible medical realization of social responsibility and therefore improves jurisdiction.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 5 ©; Verlag Hans Huber AG, Bern


Zur Drogensucht - Entstehung, Entwicklung und pharmakologische Interventionen
Drug seeking and taking behavior - Origin, development and pharmacological interventions

B. Qu und A. Pasi

Laboratorien für Endorphinforschung, Institut für Rechtsmedizin, Universität Zürich

(Summary)

Zusammenfassung
Der vorliegende Beitrag befaßt sich auf dem Hintergrund medizinisch-toxikologischer Erfahrung vorwiegend mit ethologischen und neurobiologischen Aspekten der Drogensucht sowie mit pharmakologisch-interventionellen Möglichkeiten ihrer Therapie. Außerdem verweist die Abhandlung darauf, daß die Behandlung der Drogensucht jeweils unter Berücksichtigung der multiplen Faktoren ihrer komplexen Entstehung und Entwicklung individuell gestaltet werden sollte.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 5 ©; Verlag Hans Huber AG, Bern

Summary
The present essay on drug addiction deals, under the escort of empirical knowledges emanating from medico-legal toxicology, mainly with the behavioural, neurobiological, forensic and pharmacotherapeutical aspects of drug seeking and taking behaviour. The article emphasizes the idea that treatment of drug dependence (including that of the associated diseases and complications) should be performed according to the specific pharmacological and toxicological properties of the drugs involved. Furthermore, the treatment of drug dependence should be carried out in agreement with the individual needs of the patient, and in concordance with the multiple factors involved in the development and maintenance of drug addiction.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 5 ©; Verlag Hans Huber AG, Bern


Der Behandlungsfehler aus rechtsmedizinischer Sicht
Treatment errors from the forensic point of view

R. Dirnhofer, D. Wyler

Institut für Rechtsmedizin, Bern

(Summary)

Zusammenfassung
Es liegt in der Natur einer Krankheit, daß sie sich unter ärztlicher Behandlung nicht nur bessern, sondern auch verschlimmern kann. Eine medizinische Behandlung stellt somit eine risikoreiche Tätigkeit dar. Die großen Fortschritte der medizinischen Diagnostik und Behandlung in den vergangenen Jahren haben dieses Risiko noch erhöht. Nicht zuletzt zufolge eines zunehmenden Drucks durch die Öffentlichkeit und die Berichterstattung in den Medien scheint die Ärzteschaft zunehmend verunsichert und verängstigt, wegen eines Behandlungsfehlers verklagt zu werden. Dies fördert zu Unrecht die Entwicklung einer «defensiven Medizin», wie sie sich in den USA bereits zu etablieren beginnt. Der ärztliche Sachverständige1 soll sich als Mittler zwischen Medizin und Recht verstehen und dadurch in der Lage sein, Mißverständnisse zwischen den beiden Disziplinen mit ihren verschiedenen Denkansätzen auszuräumen. Aus diesem Grund sollte, wenn immer möglich, ein Rechtsmediziner als Gutachter bestellt werden; dieser kann dem Untersuchungsrichter für die sich ergebenden Spezialfragen zusätzliche Fachgutachter aus dem jeweiligen Fachgebiet vorschlagen. In diesem Artikel wird erläutert, auf welchen Grundlagen eine medizinische Begutachtung eines als Folge einer Behandlung eingetretenen Schadens erstattet werden soll.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 5 ©; Verlag Hans Huber AG, Bern

Summary
It is in the nature of a disease that it may not only improve but also deteriorate even when under medical treatment. Medical treatment thus constitutes a high-risk activity. The great advances in medical diagnosis and treatment in recent years have increased this risk still further. The medical profession is becoming increasingly unsettled and worried about claims of treatment errors, not least because of the increasing pressure from the public and media. This has wrongly led to the development of «defensive medicine» such as has already started to become established in the USA. The medical expert should stand as a mediator between medicine and law, and thus be in a position to clear up misunderstandings between the two disciplines with their different mind sets. For these reasons, a forensic specialist should be appointed as an expert whenever possible; he may be proposed to the examining judge as an additional expert in the field in question to answer special questions put to him. This article discussed the basis on which an expert medical opinion should be provided in relation to an injury arising as a result of a treatment.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 5 ©; Verlag Hans Huber AG, Bern


Forensische Hämogenetik - Abstammungsbegutachtung
Forensic haemogenetics - paternity testing

A. Kratzer, W. Bär

Institut für Rechtsmedizin, Universität Zürich-Irchel, Zürich

(Summary)

Zusammenfassung
Die forensische Abstammungsbegutachtung erfolgt ausschließlich mit Hilfe der DNA-Analytik. Da DNA-Merkmale vererbt werden und, abgesehen von eineiigen Zwillingen, jeder Mensch ein hochspezifisches DNA-Muster besitzt, sind DNA-Systeme ein ausgezeichnetes Mittel zur Klärung strittiger Abstammungsverhältnisse. Die in der Vaterschaftsdiagnostik verwendeten DNA-Polymorphismen sind Fragmentlängenpolymorphismen der hochpolymorphen VNTR-Loci. Ihr Nachweis erfolgt hauptsächlich mit DNA-Single-Locus-Technik. Neben Single-Locus-Systemen werden neuerdings immer häufiger auch PCR-abhängige DNA-Systeme eingesetzt, vor allem zur Erweiterung der Untersuchungen in schwierigen Defizienz- und Verwandtenfällen. In der Regel werden vier voneinander unabhängige DNA-Single-Locus-Systeme bei Mutter, Kind und vermutetem Vater untersucht. Der Ausschluß von der Vaterschaft ist mit diesen Systemen zweifelsfrei erkennbar. Im Falle eines Nichtausschlusses wird eine biostatistische Auswertung nach Essen-Möller durchgeführt. Die resultierende Vaterschaftswahrscheinlichkeit liegt bei Anwendung von vier DNA-Single-Locus-Systemen in der Regel immer über dem bundesgerichtlich geforderten Wert von 99.8 %. Mit vergleichbarem Aufwand sind solche Schlußfolgerungen derzeit mit keiner anderen Methodik erreichbar.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 5 ©; Verlag Hans Huber AG, Bern

Summary
In Switzerland paternity investigations are carried out using DNA analysis only since 1991. DNA patterns are inherited and only with the exception of genetically identical twins they are different in everyone and therefore unique to an individual. Hence DNA-systems are an excellent tool to resolve paternity disputes. DNA polymorphisms used for paternity diagnosis are length polymorphisms of the highly polymorphic VNTR loci (variable number of tandem repeats). The most frequently applied systems are the DNA single locus systems. In addition to the DNA single locus systems the application of PCR (PCR = polymerase chain reaction) based DNA systems has increased particularly in difficult deficiency cases or in cases where only small evidential samples or partially degraded DNA are available.
Normally four independent DNA single probes are used to produce a DNA profile from the mother, the child and the alleged father. A child inherits half the DNA patterns from its mother and the other half from its true biological father. If an alleged father doesn't possess the paternal specific DNA pattern in his DNA profile he is excluded from the paternity. In case of non-exclusion the probability for paternity is calculated according to Essen-Möller. When applying four highly polymorphic DNA single locus systems the biostatistical evaluation leads always to W-values exceeding 99.8% (= required value for positive proof of paternity). DNA analysis is currently the best available method to achieve such effective conclusions in paternity investigations.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 5 ©; Verlag Hans Huber AG, Bern


Plötzlicher Kindstod
Sudden infant death (SID)

G. Molz

Institut für Rechtsmedizin, Universität Zürich-Irchel, Zürich

(Summary)

Zusammenfassung
Der Beitrag legt Erfahrungen vor, die wir seit 1969 bei der Untersuchung an 364 unerwartet gestorbenen Säuglingen gesammelt haben; 317 (87%) waren dem Institut für Rechtsmedizin (IRM] Zürich, 47 (13%) dem Institut für Klinische Pathologie zur Abklärung zugewiesen worden. Bei knapp jedem fünften Kind (19%) konnte eine Todesursache nachgewiesen werden (Gruppe 3), über die Hälfte (52%) hatte Begleitinfekte (Gruppe 2), während knapp jedes dritte Kind (29%) keine Befunde aufwies (Gruppe 1). Befunde aus dem Formenkreis des Plötzlichen Kindstodes (PKT) wie Lungenödem, Lungenblutung, Blutleere der abdominellen Organe, niedriges Gewicht der Nebennieren, hohes Gewicht des Thymus und signifikant gehäuftes Vorkommen dysmorphischer Varietäten fanden sich häufig in G1 und G2, gleichfalls auch in G3. Die Verteilung epidemiologischer Parameter und von Risiko-Faktoren wurde durch Beiziehen von zwei Vergleichsgruppen (VG) geprüft: eine klinische VG mit 284 unter klinischer Erkrankung gestorbenen Säuglingen und eine dem Bevölkerungsdurchschnitt entsprechende VG mit 6397 Neugeborenen der Geburtsjahrgänge 1983 und 1993 der Stadt Zürich (WBZ). Das erreichte Lebensalter zeigt die charakteristische Gipfelbildung um den dritten Lebensmonat, höheren Anteil an Knaben, Mehrlingen, Dritt- und Viertgeborenen, Frühgeborenen, doppelt so viele Oktober- wie Märzgeborene und von jungen Müttern unter 20, 22 oder 24 Jahren bei Geburt des ersten, zweiten oder dritten Kindes; das Risiko der Wiederholung des PKT belastet das Geschwisterkollektiv von G1 und G2 mit 0,8%. Die Frage der Häufigkeit des PKT und seiner Abnahme in jüngster Zeit haben wir im Zusammenhang mit der Entwicklung der Säuglingssterblichkeit in der Stadt Zürich zwischen 1969 bis 93 geprüft. Die absolute Häufigkeit des PKT ist von 1.1 auf 0.9/1000 zurückgegangen, die relative Häufigkeit gestiegen, so daß gegenwärtig jeder dritte, nach dem ersten Monat gestorbene Säugling ein Opfer des PKT ist.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 5 ©; Verlag Hans Huber AG, Bern

Summary
Sudden infant death (SID) is defined as the «sudden death of an infant under one year of age that remains unexplained after a thorough case investigation, including performance of a complete autopsy, examination of the death scene and the review of the clinical history». This definition, given by the National Institute of Child Health and Human Development in the USA, recognized SID as a diagnostic entity, however, SID remains a pathological diagnosis of exclusion. SID-cases are divided into three categories: group 1 in which autopsy does not reveal any cause of death, group 2 in which postmortem findings are not sufficient to be the cause of death; group 3 in which the death is adequately explained, is classified as «non-SID». The purpose of the study was to analyse the situation about SID over a 25-year period, from 1969 through 1993, looking for changes in frequency and developmental trends. The study includes 364 SID-infants which were examined according to a standard method. Histological, microbiological, virological and immunological studies were performed and data of the death scene investigation and of the clinical history were collected. 284 infants who had died due to clinical diseases served as one control group, a second group consisted of 6397 newborns of the city of Zürich. Of the SID-infants, almost every third infant (29%) was grouped in group 1, more than half of the infants (52%) with signs of mild infections in group 2, whereas almost every fifth child (19%) was grouped in group 3. With regard to epidemiological parameters the peak of mortality was found at about three months of age; the percentage of boys and twins, of third and later born infants was higher compared to the general population. SID probands were born twice as often in October as in March. The percentage of mothers of first, second and third born SID-infants at an age younger than 20, 22 and 24 years was higher compared to the general population. All these parameters were also found in group 3. The risk of familial recurrence in group 1 and group 2 was 0.8%. Between 1969 and 1993 the rate of SID deaths dropped from 1.1 to 0.9 per thousand live births, whereas SID as a percentage of postneonatal mortality increased to 34 per cent.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 5 ©; Verlag Hans Huber AG, Bern


wwwadmin@hanshuber.com, 26. Juni 1997