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Therapeutische Umschau 10/97
Angst


Diagnostik, Epidemiologie und Komorbidität von Angststörungen
Diagnostics, epidemiology and comorbidity of anxiety disorders

H. R. Wacker

Psychiatrische Universitätspoliklinik Basel

(Summary)

Zusammenfassung
Zur Klasse der Angststörungen können alle jene Ängste und Befürchtungen zusammengefaßt werden, die den Lebensvollzug wesentlich beeinträchtigen und deren Symptomatik weder gehirnorganisch noch durch eine andere psychische oder körperliche Störung erklärt werden kann. Es lassen sich aufgrund des Erscheinungsbildes und des Verlaufs phobische Störungen, eine Panikstörung und eine generalisierte Angststörung voneinander unterscheiden. Wie die Ergebnisse von neueren epidemiologischen Erhebungen zeigen, gehören Angststörungen zu den häufigsten psychischen Störungen. Lebenszeitlich leidet mehr als ein Viertel von befragten Personen aus einer Allgemeinbevölkerung unter einer Angststörung. Dabei kommen die Phobien am häufigsten vor, und unter diesen ist gemäß neuesten Erhebungen die soziale Phobie am weitesten verbreitet (Lebensprävalenzen von 13,3% bis 16%). Für die Panikstörung werden je nach verwendetem diagnostischem System (DSM-III-R, ICD-10) und Befragungsinstrument Lebensprävalenzen von 1,2% bis 3,5% angegeben. Die Lebensprävalenz für die generalisierte Angststörung beträgt zwischen 1,9% und 6,6%. Insgesamt kommen Angststörungen bei Frauen häufiger vor als bei Männern. Sie beginnen zumeist im Kindes- und Jugendalter. Alle Angststörungen weisen eine hohe Lebenszeitkomorbidität mit anderen psychischen Störungen auf. Überzufällig häufig sind sie lebenszeitlich mit affektiven Störungen und Alkohol- und anderem Drogenabusus sowie den entsprechenden Abhängigkeiten kombiniert. Besonders bei der Panikstörung und der sozialen Phobie ist bei der Beurteilung des Patienten immer auch an dessen erhöhtes Suizidrisiko zu denken.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 10, © Verlag Hans Huber , Bern

Summary
Fears and apprehensions which significantly impair a person's everyday life and which cannot be attributed to an organic brain disturbance or to other mental disorders or physical problems are grouped together in the class of «anxiety disorders». Three types of anxiety disorders can be distinguished on the basis of clinical picture and the course of development of symptoms: phobias, panic disorder and generalized anxiety disorder. Recent epidemiological studies indicate that anxiety disorders are one of the most common kinds of mental disorder. More than a fourth of the persons surveyed in a general population have suffered from an anxiety disorder at some point in their lives. Phobias occur most frequently, with social phobias being the most common according to the latest studies (lifetime prevalence of 13.3% to 16%). The lifetime prevalence of panic disorder is estimated at 1.2% to 3.5%, depending on the diagnostic system (DSM-III-R, ICD-10) and survey instruments used. Generalized anxiety disorder is estimated to have a lifetime prevalence of between 1.9% and 6.6%. Overall, anxiety disorders tend to occur more often in women than in men. Onset is usually in childhood or adolescence. All anxiety disorders have a high lifetime comorbidity with other mental disorders. The frequency of anxiety disorders occurring in combination with affective disorders and substance abuse and dependence over the span of a lifetime is significantly high. Increased risk of suicide is an important factor to consider when assessing these patients, especially in the case of panic disorder or social phobias.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 10, © Verlag Hans Huber , Bern


Differentialdiagnose verschiedener Ängste
Differential Diagnosis of Anxiety States

J. Schöpf

Keine Klinikangaben

(Summary)

Zusammenfassung
Die Arbeit gibt - unter Berücksichtigung der ICD-10-Klassifikation - einen Überblick zu psychischen Erkrankungen, die mit Angst als einem bzw. dem hauptsächlichen Symptom einhergehen. Die Anzahl möglicher Diagnosen ist groß, wobei die richtige Einordnung wesentliche und gelegentlich entscheidende Konsequenzen für die Therapie hat.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 10, © Verlag Hans Huber , Bern

Summary
The publication gives an overview of disorders defined according to ICD-10 in which anxiety represents one symptom or the main symptom. The number of possible diagnoses is rather high. The proper classification has important consequences for the therapy to be chosen.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 10, © Verlag Hans Huber , Bern


Angsterkrankung im Alter - ein Überblick
Anxiety in the elderly - an overview

M. Kirsten-Krüger

Psychiatrische Universitätsklinik der Universität Zürich

(Summary)

Zusammenfassung
Angst ist eine normale und ubiquitär in der Bevölkerung vorkommende Emotion, die als adäquate Gemütsreaktion auf eine echte Bedrohung zum Warnsystem des Menschen gehört, objekt- und realitätsbezogen ist und sich in ihrer Intensität der drohenden Gefahr anpaßt. Krankhafte Angst hingegen ist eine überschießende unangepaßte und auch gewöhnlich anhaltende Emotion, die meist weder objekt- noch realitätsbezogen ist und sich im psychischen, somatischen und sozialen Bereich manifestiert. Sie lähmt die intellektuellen Fähigkeiten und läßt sich weder durch Vernunft noch durch Willensimpulse bekämpfen. Beide Angstzustände kommen bei den älteren Patienten vor, Angsterkrankungen gehören zu der vierthäufigsten psychiatrischen Erkrankung bei älteren Menschen. In diesem Beitrag gebe ich zunächst einen Überblick über die Epidemiologie der Angsterkrankungen, beschreibe dann klinische Charakteristika unter Berücksichtigung der differentialdiagnostischen Besonderheiten beim älteren Menschen, befasse mich dann mit dem therapeutischen Management der Angsterkrankung bei älteren Patienten und versuche zum Abschluß einen Diskurs über die Frage: «Angstzustände im Alter - eine Conditio sine qua non?»

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 10, © Verlag Hans Huber , Bern

Summary
Anxiety is a normal and ubiquitous emotion with adaptive value, in that is acts as a warning system alerting a person of impending danger. This system can be considered maladaptive, however, when anxiety becomes unjustifiably excessive and, thus, morbid. Both forms of anxiety, situational anxiety and pathological anxiety are common in the elderly. Also anxiety disorders in elderly persons are among the most frequently encountered psychiatric conditions. In this paper I begin with the epidemiology of anxiety in the elderly, discuss the clinical characteristics of late life anxiety with special attention to difficulties in the differential diagnostic evaluation and describe treatment strategies for managing elderly patients with anxiety disorders. In conclusion I try to discuss the question: «Anxiety in the elderly - Conditio sine qua non?»

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 10, © Verlag Hans Huber , Bern


Ängste und Angststörungen im Kindesalter
Fear and Anxiety in Childhood

H. Lugt

Psychiatrische Universitäts-Poliklinik für Kinder und Jugendliche, Zürich

(Summary)

Zusammenfassung
Angststörungen bei Kindern sind weit verbreitet. Mit den international gültigen Klassifikationssystemen DSM und ICD ist die diagnostische Einordnung von Angststörungen auch des Kindesalters verläßlicher geworden. Das klinische Erscheinungsbild der Störung mit Trennungsangst, der Phobischen Störung und der Störung mit sozialer Ängstlichkeit sowie der Überängstlichkeit im Kindesalter werden geschildert und im Anschluß daran das diagnostische Vorgehen beschrieben. Erklärungsansätze und verhaltenstherapeutische Behandlungskonzepte werden dargestellt. Anhand eines Fallbeispiels wird das diagnostische und therapeutische Vorgehen anschaulich beschrieben.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 10, © Verlag Hans Huber , Bern

Summary
Anxiety disorders in children are common. The current international classification systems - DSM and ICD - have increased the reliability of the diagnostic classification of anxiety disorders among children, too. The clinical picture of separation anxiety disorder of childhood, the phobic anxiety disorder of childhood, the social anxiety disorder of childhood, and the overanxious disorder of childhood will be described. The paper will conclude with a description of the diagnostic procedure. A case study will serve to illustrate the diagnostic and therapeutic procedure.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 10, © Verlag Hans Huber , Bern


Verhaltenstherapie bei Angststörungen
Behavior Therapy - Individualized cognitive behavioral intervention for anxiety disorders

Ch. Vogt Rothberg

Keine Klinikangaben

(Summary)

Zusammenfassung
Dieser Beitrag gibt einen kurzen Überblick über die Verhaltenstherapie. Ihrer experimentell-psychologischen Orientierung wegen sind sowohl ihre theoretischen Konzepte als auch ihre praktischen Behandlungsmethoden einem ständigen Prozeß der Evaluation und Ausdifferenzierung unterworfen. Insbesondere die Angststörungen erhielten durch die Verhaltenstherapie eine neu Sichtweise und durch kontrollierte Studien gut belegte, wirksame Behandlungsmethoden. Das psychophysiologische Modell der Angststörung wird vorgestellt, und anhand eines klinischen Beispiels werden die aus den theoretischen Modellen abgeleiteten verhaltenstherapeutischen Maßnahmen illustriert.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 10, © Verlag Hans Huber , Bern

Summary
Behavior therapy is rapidly gaining on importance in the treatment of anxiety disorders. A brief overview of assessment and models of the origins and maintenance of anxiety is presented and demonstrated with a case example of strong avoidance behavior based on feared anxiety attacks in specific situations. The cognitive behavioral intervention comprised 4 sessions of treatment in the office with extensive selfexposure to the feared and previously avoided situation, namely driving the car on the highway and visiting shopping centers, between sessions. The exposure treatment in conjunction with cognitive restructering and provided problemsolving strategies lead to rapid elimination of avoidance behavior as well as the fear of anxiety attacks within one month. Two years later, the patient is free of the previously presented symptoms.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 10, © Verlag Hans Huber , Bern


Körperzentrierte Psychotherapie IKP: Ganzheits-Psychotherapie bei Angstzuständen
Body-centered psychotherapy IKP: holistic psychotherapy in states of panic and anxiety

Y. Maurer-Groeli

Institut für Körperzentrierte Psychotherapie IKP, Zürich

(Summary)

Zusammenfassung
Nach der Unterscheidung von Körpertherapien und körperorientierten Psychotherapien wird die letzteren zugehörige Körperzentrierte Psychotherapie IKP kurz beschrieben. Zur Erklärung der Angstreduktion durch motorische Aktivität werden auch neurophysiologische Hypothesen diskutiert. Wenn davon ausgegangen wird, daß Angstsymptome keine «psycho»pathologischen Symptome sind, sondern multidimensionale pathologische Phänomene, muß der therapeutische Ansatz entsprechend ganzheitlich vernetzt sein. Dazu gehört auch die Aktivierung von Ressourcen der verschiedenen Lebensdimensionen. Dies wird mittels zweier Beispiele kurz beschrieben.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 10, © Verlag Hans Huber , Bern

Summary
After describing the difference between body therapies and body-centered psychotherapies, the methods of body-centered psychotherapy IKP are treated in this article. In order to explain the reduction of panic by motor activity, neurophysiological hypothesis are also discussed. Assuming that symptoms of panic are no «psycho»-pathological symptoms but multidimensional pathological phenomenon, the therapeutic approach has to be holistic and multirelational. Activating resources of the six different life dimensions also belongs to the holistic IKP approach. This way of holistic-multirelational thinking is demonstrated along two case studies.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 10, © Verlag Hans Huber , Bern


Revolution ist ein heikles Unterfangen
Revolution is a sensitive undertaking

E. Geiger

Keine Klinikangaben

(Summary)

Zusammenfassung
Ein psychischer Erschöpfungszustand, von Panik begleitet, ausgelöst durch ein Konversionssymptom, wird als notfallmäßige Bremsung einer Triebstrebung nach mehr Lebensgenuß verstanden, da ein Gewissenskonflikt auftrat, der vom Bewußtsein ferngehalten wurde. Das Symptom löst sich auf, der Triebwunsch in seiner Totalität wird nicht aufgegeben, sondern auf den Geliebten projiziert, die Patientin unterwirft sich erneut dem Gewissen, indem sie dessen Rolle dem Geliebten gegenüber einnimmt. Der Preis ist die mögliche Befriedigung.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 10, © Verlag Hans Huber , Bern

Summary
A psychological condition of exhaustion, accompanied by panic, triggered by a conversion symptom understood as the «emergency braking» of a drive towards a greater enjoyment of life because of a conflict of conscience arose which was held at bay. The symptom fades away, the drive is not given up in its entirety but is projected onto the loved one. The patient allows her conscience to take over once more in that she takes on the role of the conscience for her loved one. The price is possible satisfaction.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 10, © Verlag Hans Huber , Bern


Pharmakotherapie
Psychopharmacological treatment of anxiety disorders

G. Laux

Bezirkskrankenhaus Gabersee, Fachkrankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie, Wasserburg/Inn

(Summary)

Zusammenfassung
Angesichts der Häufigkeit von Angststörungen in der ärztlichen Praxis kommt der adäquaten Behandlung dieser Erkrankungen durch den Allgemeinarzt große Bedeutung zu. Für die Psychopharmakotherapie kommen insbesondere Benzodiazepin-Tranquilizer und Antidepressiva, als zweite Wahl auch niedrigdosierte Neuroleptika und Beta-Blocker, bei leichtgradigen Angstzuständen auch Phytopharmaka wie Kava-Kava in Frage. Diagnostisch wichtig ist vor allem die Unterscheidung zwischen generalisierter Angststörung und Panikstörung; bei letzterer sind Antidepressiva wie Imipramin oder Paroxetin die Medikamente der Wahl. Hinweise zum praktischen Umgang sowie zu beachtende Nebenwirkungen der einzelnen Substanzklassen werden dargestellt, sinnvollerweise sollte die medikamentöse Behandlung mit Psychotherapie (Entspannungsverfahren, Verhaltenstherapie) kombiniert werden.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 10, © Verlag Hans Huber , Bern

Summary
The high prevalence of anxiety disorders implies the necessity of adequate treatment by GPs. Regarding psychopharmacological treatment benzodiazepines and antidepressants are the drugs of first choice, low potency neuroleptics, beta-blockers as well as the herbal medicine kava-kava may be indicated in special cases (e.g. low degree of anxiety, abuse or tolerability problems). The separation of generalized anxiety disorder from panic disorder seems to be essential due to treatment implications: antidepressants like Imipramine or SSRIs are the drugs of choice in the latter case. Hints regarding handling as well as possible side-effects of the different psychotropics are given, the combination with psychotherapy (relaxation techniques, behaviour therapy) is recommended being the best way of effective treatment.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 10, © Verlag Hans Huber, Bern


Angst erkennen und erfolgreich behandeln
Recognition and successful treatment of anxiety

B. Woggon

Psychiatrische Universitätsklinik, Zürich

(Summary)

Zusammenfassung
Es ist eine wichtige Aufgabe des Hausarztes, Angststörungen zu erkennen und erfolgreich zu behandeln. Patienten und Angehörige müssen sachkundig darüber informiert werden, welche wirksamen Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen und wann man sie im Einzelfall durchführen soll. In schwierigen Fällen kann der Hausarzt einen Psychiater beiziehen. Bei der großen Häufigkeit von Angststörungen ist es nicht möglich, jeden Patienten in psychiatrische Behandlung zu schicken. In vielen Fällen ist das auch gar nicht nötig, ein Konsilium oder eine Telefonsprechstunde genügen.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 10, © Verlag Hans Huber , Bern

Summary
It is an important task of the family doctor (general practitioner) to recognise anxiety disorders and treat them successfully. Patients and their relatives must be informed about the available effective treatment possibilities and about the right moment for their application in an individual patient. In difficult cases the family doctor can consult a psychiatrist. Based on the incidence of anxiety disorders it is not possible to send each patient to a psychiatrist for treatment. In many cases this is not necessary, a consilium or a telephon discussion is sufficient.

Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 10, © Verlag Hans Huber , Bern


wwwadmin@HansHuber.com, 20. Oktober 1997