Zusammenfassung
Zur Klasse der Angststörungen können alle jene
Ängste und Befürchtungen zusammengefaßt werden, die
den Lebensvollzug wesentlich beeinträchtigen und deren
Symptomatik weder gehirnorganisch noch durch eine andere psychische
oder körperliche Störung erklärt werden kann. Es
lassen sich aufgrund des Erscheinungsbildes und des Verlaufs
phobische Störungen, eine Panikstörung und eine
generalisierte Angststörung voneinander unterscheiden. Wie die
Ergebnisse von neueren epidemiologischen Erhebungen zeigen,
gehören Angststörungen zu den häufigsten psychischen
Störungen. Lebenszeitlich leidet mehr als ein Viertel von
befragten Personen aus einer Allgemeinbevölkerung unter einer
Angststörung. Dabei kommen die Phobien am häufigsten vor,
und unter diesen ist gemäß neuesten Erhebungen die soziale
Phobie am weitesten verbreitet (Lebensprävalenzen von 13,3% bis
16%). Für die Panikstörung werden je nach verwendetem
diagnostischem System (DSM-III-R, ICD-10) und Befragungsinstrument
Lebensprävalenzen von 1,2% bis 3,5% angegeben. Die
Lebensprävalenz für die generalisierte Angststörung
beträgt zwischen 1,9% und 6,6%. Insgesamt kommen
Angststörungen bei Frauen häufiger vor als bei
Männern. Sie beginnen zumeist im Kindes- und Jugendalter. Alle
Angststörungen weisen eine hohe Lebenszeitkomorbidität mit
anderen psychischen Störungen auf. Überzufällig
häufig sind sie lebenszeitlich mit affektiven Störungen und
Alkohol- und anderem Drogenabusus sowie den entsprechenden
Abhängigkeiten kombiniert. Besonders bei der Panikstörung
und der sozialen Phobie ist bei der Beurteilung des Patienten immer
auch an dessen erhöhtes Suizidrisiko zu denken.
Therapeutische Umschau, Band 54, 1997, Heft 10, © Verlag Hans Huber , Bern
Summary
Fears and apprehensions which significantly impair a person's
everyday life and which cannot be attributed to an organic brain
disturbance or to other mental disorders or physical problems are
grouped together in the class of «anxiety disorders». Three
types of anxiety disorders can be distinguished on the basis of
clinical picture and the course of development of symptoms: phobias,
panic disorder and generalized anxiety disorder. Recent
epidemiological studies indicate that anxiety disorders are one of
the most common kinds of mental disorder. More than a fourth of the
persons surveyed in a general population have suffered from an
anxiety disorder at some point in their lives. Phobias occur most
frequently, with social phobias being the most common according to
the latest studies (lifetime prevalence of 13.3% to 16%). The
lifetime prevalence of panic disorder is estimated at 1.2% to 3.5%,
depending on the diagnostic system (DSM-III-R, ICD-10) and survey
instruments used. Generalized anxiety disorder is estimated to have a
lifetime prevalence of between 1.9% and 6.6%. Overall, anxiety
disorders tend to occur more often in women than in men. Onset is
usually in childhood or adolescence. All anxiety disorders have a
high lifetime comorbidity with other mental disorders. The frequency
of anxiety disorders occurring in combination with affective
disorders and substance abuse and dependence over the span of a
lifetime is significantly high. Increased risk of suicide is an
important factor to consider when assessing these patients,
especially in the case of panic disorder or social phobias.
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Zusammenfassung
Die Arbeit gibt - unter Berücksichtigung der
ICD-10-Klassifikation - einen Überblick zu psychischen
Erkrankungen, die mit Angst als einem bzw. dem hauptsächlichen
Symptom einhergehen. Die Anzahl möglicher Diagnosen ist
groß, wobei die richtige Einordnung wesentliche und
gelegentlich entscheidende Konsequenzen für die Therapie hat.
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Summary
The publication gives an overview of disorders defined according to
ICD-10 in which anxiety represents one symptom or the main symptom.
The number of possible diagnoses is rather high. The proper
classification has important consequences for the therapy to be
chosen.
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Zusammenfassung
Angst ist eine normale und ubiquitär in der Bevölkerung
vorkommende Emotion, die als adäquate Gemütsreaktion auf
eine echte Bedrohung zum Warnsystem des Menschen gehört, objekt-
und realitätsbezogen ist und sich in ihrer Intensität der
drohenden Gefahr anpaßt. Krankhafte Angst hingegen ist eine
überschießende unangepaßte und auch gewöhnlich
anhaltende Emotion, die meist weder objekt- noch
realitätsbezogen ist und sich im psychischen, somatischen und
sozialen Bereich manifestiert. Sie lähmt die intellektuellen
Fähigkeiten und läßt sich weder durch Vernunft noch
durch Willensimpulse bekämpfen. Beide Angstzustände kommen
bei den älteren Patienten vor, Angsterkrankungen gehören zu
der vierthäufigsten psychiatrischen Erkrankung bei älteren
Menschen. In diesem Beitrag gebe ich zunächst einen
Überblick über die Epidemiologie der Angsterkrankungen,
beschreibe dann klinische Charakteristika unter Berücksichtigung
der differentialdiagnostischen Besonderheiten beim älteren
Menschen, befasse mich dann mit dem therapeutischen Management der
Angsterkrankung bei älteren Patienten und versuche zum
Abschluß einen Diskurs über die Frage:
«Angstzustände im Alter - eine Conditio sine qua non?»
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Summary
Anxiety is a normal and ubiquitous emotion with adaptive value, in
that is acts as a warning system alerting a person of impending
danger. This system can be considered maladaptive, however, when
anxiety becomes unjustifiably excessive and, thus, morbid. Both forms
of anxiety, situational anxiety and pathological anxiety are common
in the elderly. Also anxiety disorders in elderly persons are among
the most frequently encountered psychiatric conditions. In this paper
I begin with the epidemiology of anxiety in the elderly, discuss the
clinical characteristics of late life anxiety with special attention
to difficulties in the differential diagnostic evaluation and
describe treatment strategies for managing elderly patients with
anxiety disorders. In conclusion I try to discuss the question:
«Anxiety in the elderly - Conditio sine qua non?»
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Zusammenfassung
Angststörungen bei Kindern sind weit verbreitet. Mit den
international gültigen Klassifikationssystemen DSM und ICD ist
die diagnostische Einordnung von Angststörungen auch des
Kindesalters verläßlicher geworden. Das klinische
Erscheinungsbild der Störung mit Trennungsangst, der Phobischen
Störung und der Störung mit sozialer Ängstlichkeit
sowie der Überängstlichkeit im Kindesalter werden
geschildert und im Anschluß daran das diagnostische Vorgehen
beschrieben. Erklärungsansätze und verhaltenstherapeutische
Behandlungskonzepte werden dargestellt. Anhand eines Fallbeispiels
wird das diagnostische und therapeutische Vorgehen anschaulich
beschrieben.
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Summary
Anxiety disorders in children are common. The current international
classification systems - DSM and ICD - have increased the reliability
of the diagnostic classification of anxiety disorders among children,
too. The clinical picture of separation anxiety disorder of
childhood, the phobic anxiety disorder of childhood, the social
anxiety disorder of childhood, and the overanxious disorder of
childhood will be described. The paper will conclude with a
description of the diagnostic procedure. A case study will serve to
illustrate the diagnostic and therapeutic procedure.
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Zusammenfassung
Dieser Beitrag gibt einen kurzen Überblick über die
Verhaltenstherapie. Ihrer experimentell-psychologischen Orientierung
wegen sind sowohl ihre theoretischen Konzepte als auch ihre
praktischen Behandlungsmethoden einem ständigen Prozeß der
Evaluation und Ausdifferenzierung unterworfen. Insbesondere die
Angststörungen erhielten durch die Verhaltenstherapie eine neu
Sichtweise und durch kontrollierte Studien gut belegte, wirksame
Behandlungsmethoden. Das psychophysiologische Modell der
Angststörung wird vorgestellt, und anhand eines klinischen
Beispiels werden die aus den theoretischen Modellen abgeleiteten
verhaltenstherapeutischen Maßnahmen illustriert.
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Summary
Behavior therapy is rapidly gaining on importance in the treatment of
anxiety disorders. A brief overview of assessment and models of the
origins and maintenance of anxiety is presented and demonstrated with
a case example of strong avoidance behavior based on feared anxiety
attacks in specific situations. The cognitive behavioral intervention
comprised 4 sessions of treatment in the office with extensive
selfexposure to the feared and previously avoided situation, namely
driving the car on the highway and visiting shopping centers, between
sessions. The exposure treatment in conjunction with cognitive
restructering and provided problemsolving strategies lead to rapid
elimination of avoidance behavior as well as the fear of anxiety
attacks within one month. Two years later, the patient is free of the
previously presented symptoms.
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Zusammenfassung
Nach der Unterscheidung von Körpertherapien und
körperorientierten Psychotherapien wird die letzteren
zugehörige Körperzentrierte Psychotherapie IKP kurz
beschrieben. Zur Erklärung der Angstreduktion durch motorische
Aktivität werden auch neurophysiologische Hypothesen diskutiert.
Wenn davon ausgegangen wird, daß Angstsymptome keine
«psycho»pathologischen Symptome sind, sondern
multidimensionale pathologische Phänomene, muß der
therapeutische Ansatz entsprechend ganzheitlich vernetzt sein. Dazu
gehört auch die Aktivierung von Ressourcen der verschiedenen
Lebensdimensionen. Dies wird mittels zweier Beispiele kurz
beschrieben.
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Summary
After describing the difference between body therapies and
body-centered psychotherapies, the methods of body-centered
psychotherapy IKP are treated in this article. In order to explain
the reduction of panic by motor activity, neurophysiological
hypothesis are also discussed. Assuming that symptoms of panic are no
«psycho»-pathological symptoms but multidimensional
pathological phenomenon, the therapeutic approach has to be holistic
and multirelational. Activating resources of the six different life
dimensions also belongs to the holistic IKP approach. This way of
holistic-multirelational thinking is demonstrated along two case
studies.
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Zusammenfassung
Ein psychischer Erschöpfungszustand, von Panik begleitet,
ausgelöst durch ein Konversionssymptom, wird als
notfallmäßige Bremsung einer Triebstrebung nach mehr
Lebensgenuß verstanden, da ein Gewissenskonflikt auftrat, der
vom Bewußtsein ferngehalten wurde. Das Symptom löst sich
auf, der Triebwunsch in seiner Totalität wird nicht aufgegeben,
sondern auf den Geliebten projiziert, die Patientin unterwirft sich
erneut dem Gewissen, indem sie dessen Rolle dem Geliebten
gegenüber einnimmt. Der Preis ist die mögliche
Befriedigung.
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Summary
A psychological condition of exhaustion, accompanied by panic,
triggered by a conversion symptom understood as the «emergency
braking» of a drive towards a greater enjoyment of life because
of a conflict of conscience arose which was held at bay. The symptom
fades away, the drive is not given up in its entirety but is
projected onto the loved one. The patient allows her conscience to
take over once more in that she takes on the role of the conscience
for her loved one. The price is possible satisfaction.
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Zusammenfassung
Angesichts der Häufigkeit von Angststörungen in der
ärztlichen Praxis kommt der adäquaten Behandlung dieser
Erkrankungen durch den Allgemeinarzt große Bedeutung zu.
Für die Psychopharmakotherapie kommen insbesondere
Benzodiazepin-Tranquilizer und Antidepressiva, als zweite Wahl auch
niedrigdosierte Neuroleptika und Beta-Blocker, bei leichtgradigen
Angstzuständen auch Phytopharmaka wie Kava-Kava in Frage.
Diagnostisch wichtig ist vor allem die Unterscheidung zwischen
generalisierter Angststörung und Panikstörung; bei
letzterer sind Antidepressiva wie Imipramin oder Paroxetin die
Medikamente der Wahl. Hinweise zum praktischen Umgang sowie zu
beachtende Nebenwirkungen der einzelnen Substanzklassen werden
dargestellt, sinnvollerweise sollte die medikamentöse Behandlung
mit Psychotherapie (Entspannungsverfahren, Verhaltenstherapie)
kombiniert werden.
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Summary
The high prevalence of anxiety disorders implies the necessity of
adequate treatment by GPs. Regarding psychopharmacological treatment
benzodiazepines and antidepressants are the drugs of first choice,
low potency neuroleptics, beta-blockers as well as the herbal
medicine kava-kava may be indicated in special cases (e.g. low degree
of anxiety, abuse or tolerability problems). The separation of
generalized anxiety disorder from panic disorder seems to be
essential due to treatment implications: antidepressants like
Imipramine or SSRIs are the drugs of choice in the latter case. Hints
regarding handling as well as possible side-effects of the different
psychotropics are given, the combination with psychotherapy
(relaxation techniques, behaviour therapy) is recommended being the
best way of effective treatment.
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Zusammenfassung
Es ist eine wichtige Aufgabe des Hausarztes, Angststörungen
zu erkennen und erfolgreich zu behandeln. Patienten und
Angehörige müssen sachkundig darüber informiert
werden, welche wirksamen Behandlungsmöglichkeiten zur
Verfügung stehen und wann man sie im Einzelfall durchführen
soll. In schwierigen Fällen kann der Hausarzt einen Psychiater
beiziehen. Bei der großen Häufigkeit von
Angststörungen ist es nicht möglich, jeden Patienten in
psychiatrische Behandlung zu schicken. In vielen Fällen ist das
auch gar nicht nötig, ein Konsilium oder eine
Telefonsprechstunde genügen.
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Summary
It is an important task of the family doctor (general practitioner)
to recognise anxiety disorders and treat them successfully. Patients
and their relatives must be informed about the available effective
treatment possibilities and about the right moment for their
application in an individual patient. In difficult cases the family
doctor can consult a psychiatrist. Based on the incidence of anxiety
disorders it is not possible to send each patient to a psychiatrist
for treatment. In many cases this is not necessary, a consilium or a
telephon discussion is sufficient.
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