../Verlag%20Hans%20Huber

Therapeutische Umschau 8/99
Schmerz


Physiologie und Pathophysiologie des Schmerzes
Physiology and pathophysiology of pain

M. Schäfer

Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin, Universitätsklinikum Benjamin Franklin der Freien Universität Berlin

(Summary)

Zusammenfassung

Schmerz ist die individuelle sensorische und emotionale Wahrnehmung einer drohenden oder bereits eingetretenen Gewebeschädigung. Ein schmerzhafter Reiz führt in der Körperperipherie zu einer Aktivierung von Nozizeptoren, die den Reiz als elektrischen Impuls codieren. Dieser Impuls wird zum Hinterhorn des Rückenmarks und nach synaptischer Übertragung zu subkortikalen Schmerzzentren und weiter zum Gehirn fortgeleitet. Erst hier wird der Reiz im Kontext seiner einzigartigen Situation und früherer Erfahrungen als Schmerzereignis wahrgenommen. Schmerz dient in seiner physiologischen Funktion der Prävention einer Gewebeschädigung. Ist eine solche Schädigung bereits eingetreten, so kommt es zu persistierenden Schmerzreizen, die sowohl in der Peripherie, im Rückenmark als auch im Gehirn zu zahlreichen neuroplastischen Veränderungen führen. Daraus resultiert auf allen genannten Ebenen eine gesteigerte Sensitivierung des Nervensystems gegenüber schädlichen wie auch nicht-schädlichen Reizen. Gleichzeitig versuchen körpereigene Kontrollmechanismen, bei denen das Opioidsystem, aber auch andere Systeme eine wichtige Rolle spielen, in Peripherie, Rückenmark und Gehirn diesen pathologischen Veränderungen entgegenzuwirken. Es scheint, daß sowohl die Erzeugung als auch die Kontrolle von Schmerzen dem Körper zur Verhinderung weiteren Gewebeschadens, zur Unterstützung der Wundheilung und zur Wiederherstellung einer normalen Funktionsfähigkeit dienen. Der Übergang vom akuten in den chronischen Schmerz ist in besondere Weise von Störungen des Gleichgewichtes zwischen exzitatorischen und inhibitorischen Mechanismen sowie vom Eintreten wirksamer therapeutischer Maßnahmen zum frühestmöglichen Zeitpunkt abhängig.

Therapeutische Umschau, Band 56, 1999, Heft 8, © 1999 Verlag Hans Huber Bern

Summary

Pain is described as an unpleasant sensory and emotional experience associated with actual or potential tissue damage. A painful stimulus elicits an activation of receptors in the periphery which transduce the stimulus into an electrical impulse. This electrical impulse is transmitted to the dorsal horn of the spinal cord and subsequently to the brain. Here the stimulus is perceived as a painful experience in the context of the specific situation and earlier experiences. In its physiological function, pain serves the prevention of tissue injury. If tissue injury occurs, pain becomes persistent leading to changes in the neuroplasticity of the periphery, spinal cord and the brain. This results in an enhanced sensitivity of the nervous system against both noxious and unnoxious stimuli. In parallel, endogenous control mechanisms, in which predominantly the opioid but also other systems are involved, counteract these pathological changes. Both the initiation of pain and its control can be regarded as the body's response to prevent further injury, to support wound healing, and to return to a normal function as quickly as possible. The transition from acute to chronic pain may critically depend on disturbances of the intrinsic pain control mechanisms as well as on effective therapeutic measures, initiated at the earliest possible time.

Therapeutische Umschau, Band 56, 1999, Heft 8, © 1999 Verlag Hans Huber Bern


Psychophysiologie des Schmerzes
Psychophysiology of pain

K. Kautzsch

Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin, Universitätsklinikum Benjamin Franklin der Freien Universität Berlin

(Summary)

Zusammenfassung

Etwa 80% der Patienten mit chronischen Schmerzen geben aktuelle oder frühere psychische Belastungen an. Aus diesem Grund ist die Beteiligung von Psychologen und/oder Psychosomatikern im Kontext interdisziplinärer Schmerzbehandlung unverzichtbar. Entscheidend für die Indikation psychologischer Schmerztherapie ist das Ergebnis der somatischen Untersuchung und der psychosozialen Diagnostik. Die Psychodiagnostik basiert auf der gründlichen Exploration, der Fragebogenauswertung sowie der Verhaltensdiagnostik. Für die Therapie haben sich verschiedene psychologische Ansätze etablieren können. Verschiedene Entspannungsverfahren, die Verhaltenstherapie und tiefenpsychologisch orientierte Therapien sind gut evaluiert und in der klinischen Praxis eingeführt.

Therapeutische Umschau, Band 56, 1999, Heft 8, © 1999 Verlag Hans Huber Bern

Summary

Approximately 80% of all patients with chronic pain report current or past psychological impairment. That is why psychologists or psychosomatic specialists necessarely have to play a role in pain management. Decided psychological pain treatment is indicated depending on somatic and psycho-social findings. For psychological evaluation it is important to use adequate questionnaires, to take a thorough history and to observe behaviour patterns. A lot of different therapeutic approaches are used in clinical practice. Today the best evidence exists for relaxation techniques, behavioural therapy and analytical psychotherapy.

Therapeutische Umschau, Band 56, 1999, Heft 8, © 1999 Verlag Hans Huber Bern


Opioide in der Schmerztherapie
Opioids for pain therapy

J. Jage

Klinik für Anästhesiologie, Klinikum der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz

(Summary)

Zusammenfassung

In der klinischen Praxis sowie in der wissenschaftlichen Literatur werden die Begriffe «Opioide» und «Opiat» synonym benutzt. Die Bezeichnung «Narkotika» sollte ebenso wie «Gift» der Vergangenheit angehören. Leider ist seitens des Gesetzgebers noch immer die Bezeichnung «Betäubungsmittel» sanktioniert. Dies entspricht nicht der klinisch breit genutzten Wirkung und ist aus sachlicher Sicht veraltet.
Man unterscheidet Opioide gegen mäßige bis mittelstarke Schmerzen (Tramadol, Tilidin, Dihydrocodein) und gegen starke bis unerträgliche Schmerzen (Morphin, Fentanyl, Buprenorphin, Hydromorphon, Levo-Methadon) (Tab. 1). Morphin ist das Referenzopioid gegen starke Schmerzen, die anderen Opioide dieser Gruppe sind Alternativen, wenn die Morphintherapie unzureichend oder nicht möglich ist.
Auf der Grundlage der Wirkungen an den Opioidrezeptoren unterscheidet man nicht nur schwache von stark wirksamen Opioiden, sondern innerhalb der stark wirksamen Opioide die reinen Opioidrezeptor-Agonisten von den partiellen Agonisten bzw. von den Agonisten mit antagonistischem Anteil.

Therapeutische Umschau, Band 56, 1999, Heft 8, © 1999 Verlag Hans Huber Bern

Summary

In this article were described opioids with different analgesic efficacy, their dosage, application, elimination and side effects. On the basis of WHO step ladder rules are opioids important analgesic substances not only for cancer related pain therapy, but also for some well defined non cancer related pain therapy.

Therapeutische Umschau, Band 56, 1999, Heft 8, © 1999 Verlag Hans Huber Bern


Koanalgetika in der Therapie chronischer Schmerzen
Clinical use of co-analgesics

A. Kopf

Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin, Universitätsklinikum Benjamin Franklin, Berlin

(Summary)

Zusammenfassung

Bei mindestens einem Drittel aller Patienten mit chronischen Schmerzen sind Opioide nur insuffizient analgetisch wirksam. Im Gegensatz zu früheren Überzeugungen existiert allerdings kein prinzipiell opioidresistenter Schmerz, so daß immer die individuelle Opoioidsensibilität getestet werden muß. Besonders häufig versagen Opioide bei neuropathischen, ossären und sympathisch vermittelten Schmerzen. Dann besteht frühzeitig die Indikation für Koanalgetika, von denen die analgetische Potenz der Antikonvulsiva und trizyklischen Antidepressiva am besten dokumentiert sind. Die Differentialindikation der großen Zahl möglicher Koanalgetika sollte primär mit Hilfe einer detaillierten Schmerzanamnese entsprechend der eruierten Schmerzqualität erfolgen. Analog zum allgemein anerkannten erweiterten Stufenschema in der (Tumor-)schmerztherapie sollte die Koanalgetikatherapie nur nach Ausschöpfung mehrerer Kombinationsmöglichkeiten und Alternativsubstanzen durch invasive Therapieverfahren erweitert werden. Dies ist erfahrungsgemäß nur bei einer kleinen Anzahl von Patienten notwendig.

Therapeutische Umschau, Band 56, 1999, Heft 8, © 1999 Verlag Hans Huber Bern

Summary

Opioids do not yield adequate analgesic effects in at least one-third of all patients suffering from chronic pain. Nonetheless, in contrast to former opinion there is no type of pain that is principally resistant to opioids, which means that the individual patient's response to opioid administration has to be investigated to determine adequate treatment. Opioids fail most frequently in cases of neuropathic, osseous or sympathetically maintained pain. In these cases there is an indication for early use of co-analgesics. The analgesic potency of anticonvulsives and tricyclic antidepressants has been best documented. A differential indication of the large number of possible co-analgesics should be determined with the help of a detailed pain history focussing on the pain quality. Similar to the WHO analgesic ladder used in (tumor) pain therapy, co-analgesic therapy should only be supplemented by invasive therapeutic procedures after various combinations and alternative substances have proven fruitless. Experience shows that this is necessary only for a small number of patients.

Therapeutische Umschau, Band 56, 1999, Heft 8, © 1999 Verlag Hans Huber Bern


Konzept der interdisziplinären Schmerztherapie
Concept of an interdisciplinary pain therapy

U. Eller, Th. Dannappel

Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin, Universitätsklinikum Benjamin Franklin der Freien Universität Berlin

(Summary)

Zusammenfassung

Diagnose und Therapie von Schmerzen sind ein originärer Bestandteil jedes klinischen Fachgebietes. Der akute Schmerz als Symptom einer beliebigen Grunderkrankung ist im allgemeinen gut kontrollierbar und bedarf ­ dem Grundsatz der Titration folgend ­ keiner speziellen nichtpharmakologischen Therapieansätze. Anderes gilt für den chronischen Schmerz bzw. die Behandlung des Schmerzkranken, bei dem der einzelne Arzt ­ unabhängig von seiner Spezialisierung ­ mit seinen bei der Akutschmerzbehandlung bewährten Konzepten versagt, da eine monokausale und ausschließlich auf eine organpathologische Genese reduzierte Betrachtungsweise insuffizient sein muß. Für die adäquate Therapie dieser zumeist komplexen Krankheitsbilder bedarf es dagegen der interdisziplinären Kooperation einer Gruppe von Spezialisten. Zur Optimierung des Behandlungserfolges sollte in integrativer Weise schon frühzeitig zwischen den Spezialisten und dem Patienten ein Therapieplan diskutiert und vereinbart werden. Die Intensität des Behandlungsprogrammes wird abhängig vom initial evaluierten Chronifizierungsgrad gewählt. Inhaltlich muß jedes individuelle Programm das ganze bio-psychosoziale Beziehungsmuster der Schmerzerkrankung respektieren.

Therapeutische Umschau, Band 56, 1999, Heft 8, © 1999 Verlag Hans Huber Bern

Summary

The diagnosis and therapy of pain is routine in common practice of almost all clinical fields. Whilst acute pain may be controlled fairly easily, the treatment of chonic pain patients may be frustrating if conventional approaches for analgesia are chosen. Only a specialized and multidisciplinary procedure is beneficial for advanced stages of pain chronification. Precisely, an adequate treatment program has to consider biological, psychological and social aspects of chronic pain.

Therapeutische Umschau, Band 56, 1999, Heft 8, © 1999 Verlag Hans Huber Bern


Kopf- und Gesichtsschmerzen
Headaches and facial pain

F. Boegner

Neurologische Klinik und Poliklinik, Universitätsklinikum Benjamin Franklin der Freien Universität Berlin

(Summary)

Zusammenfassung

Die Therapie der Hyperthyreose stellt ein interdisziplinäres Behandlungskonzept zwischen Endokrinologie, Nuklearmedizin und Chirurgie dar. Hierauf nehmen die Pathophysiologie der jeweiligen Schilddrüsenerkrankungen und individuelle Faktoren Einfluss. Die operative Therapie ist auf die Hauptgruppen der Hyperthyreoseformen, die funktionelle Autonomie, die Immunthyreopathie und die Indikationsstellungen und operative Konzepte etabliert, die sich zugrundeliegende Schilddrüsenerkrankung in ihrem Verlauf berücksichtigen sollen.

Therapeutische Umschau, Band 56, 1999, Heft 8, © 1999 Verlag Hans Huber Bern

Summary

International headache classification systems presently differentiate between more than 150 types of headaches and facial pain. This paper subdivides the most frequent types of pain according to the duration of typical manifestations. It deals with the most commonly occurring syndromes as well as those indicative of life-threatening conditions. In most of these clinical pictures, the diagnosis has to be established on the basis of a carefully evaluated case history. Indications for additional technical examinations are critically assessed.

Therapeutische Umschau, Band 56, 1999, Heft 8, © 1999 Verlag Hans Huber Bern


Behandlungskonzepte beim chronischen Rückenschmerz
Back pain

J. Hildebrandt

Schwerpunkt Algesiologie, Zentrum Anästhesiologie, Rettungs- und Intensivmedizin, Georg-August-Universität Göttingen

(Summary)

Zusammenfassung

Die Therapie der Hyperthyreose stellt ein interdisziplinäres Behandlungskonzept zwischen Endokrinologie, Nuklearmedizin und Chirurgie dar. Hierauf nehmen die Pathophysiologie der jeweiligen Schilddrüsenerkrankung und individuelle Faktoren Einfluß. Die operative Therapie ist auf die Hauptgruppen der Hyperthyreoseformen, die funktionelle Autonomie, die Immunthyreopathie und die jodinduzierte Hyperthyreose ausgerichtet. Für jede dieser Formen sind differenzierte Indikationsstellungen und operative Konzepte etabliert, die die zugrundeliegende Schilddrüsenerkrankung in ihrem Verlauf berücksichtigen sollen.

Therapeutische Umschau, Band 56, 1999, Heft 8, © 1999 Verlag Hans Huber Bern

Summary

Back pain is a common disease causing tremendous costs for treatment, work loss and pension payments. The reasons of back pain vary considerably and often remain doubtful. The effectiveness of common treatment concepts has not yet been proved significantly. Active treatment procedures should be preferred. In chronic pain patients only multimodal concepts of treatment seem to be successful as far as they take care of somatic, psychosocial, ergonomic and sportphysiological aspects.

Therapeutische Umschau, Band 56, 1999, Heft 8, © 1999 Verlag Hans Huber Bern


Konzepte für die Therapie postoperativer Schmerzen
Concepts for the therapy of postoperative pain

W. Janson, B. Brunne

Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin, Universitätsklinikum Benjamin Franklin der Freien Universität Berlin

(Summary)

Zusammenfassung

Eine adäquate Therapie postoperativ auftretender Schmerzen verbessert nicht nur das Wohlbefinden der Patienten, sondern beeinflußt auch die posttraumatische bzw. postoperative Pathophysiologie positiv. Dazu stehen neben der kontinuierlichen bzw. repetitiven Applikation von Antipyretika und Opioiden auch spezielle Methoden wie die intravenöse Patienten-kontrollierte Analgesie (PCA) und die Epiduralanalgesie zur Verfügung. Während bisher allein die Verbesserung der Analgesiequalität im Vordergrund der Bemühungen stand, werden zur Zeit neue Konzepte mit einem multimodalen Ansatz entwickelt. Dabei soll mit Hilfe der Analgesie eine gute Mobilisierbarkeit, ein früher enteraler Kostaufbau und eine insgesamt schnellere Konsolidierung des Patienten mit dem Ziel der Reduktion perioperativer Morbidität und Mortalität erreicht werden.

Therapeutische Umschau, Band 56, 1999, Heft 8, © 1999 Verlag Hans Huber Bern

Summary

Adequate control of postoperative pain does not only improve patient satisfaction, but is also indicated from a medical point of view. Besides conventional non-opioid analgesics and opioids, more sophisticated analgesia concepts like intravenous patient-controlled analgesia (PCA) and epidural analgesia may be indicated. Modalities and practical aspects of these concepts are discussed and briefly described. It is believed that the effectiveness of improved analgesia will be increased by integrating analgesia concepts into a multimodal approach of intensified mobilisation, early enteral nutrition and frequent respiratory therapy of the postoperative patient. In conclusion, there is good evidence of improved analgesia from PCA and epidural analgesia. Data on outcome improvement by analgesia is still contradictory, but improvement of patient satisfaction is without doubt.

Therapeutische Umschau, Band 56, 1999, Heft 8, © 1999 Verlag Hans Huber Bern


wwwadmin@HansHuber.com, 3. August 1999