Verlag Hans Huber


Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Nr. 4, 2001

Contents/Inhalt

P. Trautmann-Villalba, M. Gerhold, M. Polowczyk, M. Dinter-Jörg, M. Laucht, G. Esser und M. H. Schmidt
Mutter-Kind-Interaktion und externalisierende Störungen bei Kindern im Grundschulalter
Mother-child interaction and externalizing disorders in elementary school children
Zuammenfassung
Summary
Ch. Höger, G. Witte-Lakemann und A. Rothenberger
Wann sollen stationäre kinder- und jugendpsychiatrische Behandlungen beendet werden?
When should inpatient child and adolescent psychiatric treatment be terminated?
Zusammenfassung
Summary
A. Gosch
Mütterliche Belastung bei Kindern mit Williams-Beuren-Syndrom, Down-Syndrom, geistiger Behinderung nichtsyndromaler Ätiologie im Vergleich zu der nichtbehinderter Kinder
Maternal stress among mothers of children with Williams-Beuren Syndrome, down's syndrome and mental retardation of non-syndromal etiology in comparison to mothers of non-disabled children
Zusammenfassung
Summary
M. Laucht
Antisoziales Verhalten im Jugendalter: Entstehungsbedingungen und Verlaufsformen
Antisocial behavior in adolescence: Origin and courses
Zusammenfassung
Summary
G. H. Moll, H. Heinrich und A. Rothenberger
Transkranielle Magnetstimulation in der Kinder- und Jugendpsychiatrie: Exzitabilität des motorischen Systems bei Tic-Störungen und/oder Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörungen
Transcranial magnetic stimulation in child and adolescent psychiatry: Excitability of the motor system in tic disorders and/or attention deficit hyperactivity disorders
Zusammenfassung
Summary



Zusammenfassungen / Summaries



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Originalarbeiten

Mutter-Kind-Interaktion und externalisierende Störungen bei Kindern im Grundschulalter
Mother-child interaction and externalizing disorders in elementary school children

P. Trautmann-Villalba, M. Gerhold, M. Polowczyk, M. Dinter-Jörg, M. Laucht, G. Esser und M. H. Schmidt

Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim
(Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. Dr. M. H. Schmidt)


(Summary)

Zusammenfassung

Fragestellung: Das Verhalten von achtjährigen Kindern mit externalisierenden Störungen (hyperkinetische Störung und Störung des Sozialverhaltens) in der Interaktion mit ihren Müttern wurde untersucht.
Methodik/Ergebnisse: Im univariaten Vergleich waren Mütter in der Interaktion mit ihren hyperkinetischen Kindern restriktiver, abwertender und weniger angemessen als Mütter unauffälliger Kinder, während sich die Kinder unaufmerksamer und impulsiver sowie weniger assertiv und hilflos verhielten. Kinder mit einer Störung des Sozialverhaltens waren in der Interaktion mit ihren Müttern abwertender, aggressiver und provokativer als unauffällige Kinder, während die Mütter mehr Ungeduld zeigten.
Schlussfolgerung: Eine Interaktion zwischen aggressivem Kindverhalten und Restriktivität der Mutter trug zu vermehrten dissozialen Symptomen bei. Eine höhere Zahl hyperkinetischer Symptome wurde durch die Interaktion zwischen impulsivem Kindverhalten und mütterlicher Aversivität begünstigt.

Schlüsselwörter

Hyperkinetische Störung, Störung des Sozialverhaltens, Interaktionsverhalten, Grundschulalter

Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Band 29, 2001, Heft 4, © 2001 Verlag Hans Huber Bern

Summary

Objectives: The behavior of eight-year-old children with externalizing disorders (ADHD and CD) in interaction with their mothers was examined.
Methods/Results: Mothers of ADHD children were more restrictive and negative towards their children and showed less adaquate control than did mothers of normal children. ADHD children paid less attention, were less assertive and helpless, and were more impulsive than controls. CD children were more negative towards their mothers, and were more aggressive and provocative than normal children, while their mothers were more impatient.
Conclusions: An interaction between aggressive child behavior and maternal restrictiveness contributed to increased conduct problems. Hyperactivity was enhanced by the interaction between the impulsive behavior of the child and the aversive maternal response.

Key words

ADHD, CD, interactional behavior, elementary school age

Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Band 29, 2001, Heft 4, © 2001 Verlag Hans Huber Bern


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Wann sollen stationäre kinder- und jugendpsychiatrische Behandlungen beendet werden?
When should inpatient child and adolescent psychiatric treatment be terminated?

Ch. Höger, G. Witte-Lakemann und A. Rothenberger

Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Georg-August-Universität Göttingen
(Direktor: Prof. Dr. A. Rothenberger)


(Summary)

Zusammenfassung

Fragestellung: Die Frage der stationären Behandlungsdauer ist bisher nur unzulänglich empirisch erforscht und soll hier unter dem Teilaspekt der Kriterien zur Beendigung stationärer Therapien untersucht werden.
Methodik: Es wurde eine Expertenbefragung mittels eines Fragebogens durchgeführt, der einen allgemeinen Teil u.a. zur Berufsgruppe des antwortenden Experten, einen hochstrukturierten Fragenteil und einen Abschnitt mit offenen Fragen enthält. 200 Bögen wurden an Mitarbeiter verschiedener Berufsgruppen in allen Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Niedersachsen und Bremen verschickt; der Rücklauf betrug 112 Fragebögen. Auswertungen erfolgten deskriptiv und varianzanalytisch im Hinblick auf die Frage, ob es unterschiedliche Beurteilungsmuster bei den verschiedenen Berufsgruppen gibt.
Ergebnisse: Die Angaben aus den hochstrukturierten und den offenen Fragen zusammenfassend ergeben ein differenziertes und komplexes Bild der Entscheidungskriterien, die patientenbezogene Faktoren (besonders Symptomverlauf und Kompetenzentwicklung des Kindes/Jugendlichen), familiäre Bedingungen, administrative Einflüsse (Möglichkeiten der Nachsorge und Probleme bei der Fremdplatzierung), Setting-Probleme, Aspekte der Stationsdynamik sowie Motivations- und Compliance-Probleme umfassen. Die verschiedenen Berufsgruppen gaben ähnliche Beurteilungen ab.
Schlussfolgerung: Eine Konzeption stationärer Behandlungsdauern nach DRG's würde wesentliche fachliche Aspekte eines kompetenten Entscheidungsprozesses übersehen. Zur Verbesserung der Effektivität und Effizienz stationärer Behandlungen erscheint es daher sinnvoller, einen Qualitätssicherungsprozess einzuführen, für den die hier gefundenen Kriterien als Bausteine genutzt werden können.

Schlüsselwörter

Stationäre Behandlungsdauer, Expertenbeurteilung, Effektivität, Effizienz, Qualitätssicherungsprozess

Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Band 29, 2001, Heft 4, © 2001 Verlag Hans Huber Bern

Summary

Objectives: As up to now no thorough empirical investigation of the length of stay during inpatient treatment exists, the criteria for the decision to terminate inpatient treatment were studied.
Methods: The opinions of experts in child psychiatry were collected by means of a three-part questionnaire that included a general section together with questions concerning the respective profession group of each expert, a structured section, and a section with open questions. 200 questionnaires were mailed to members of different professional groups at all hospitals for child and adolescent psychiatry in Lower Saxony and Bremen. 112 questionnaires were returned. Data were evaluated descriptively and by means of analyses of variance to determine whether the assessment patterns differ among the various groups.
Results: Complex criteria were found by attributing answers to both the structural and the open questions, which included patient-related aspects (particularly the course of symptoms and the child's/adolescent's development of competence), conditions in the family, administrative influences (aftercare and post-discharge placement), problems in the therapeutic setting, aspects of group dynamics between patients and staff, as well as problems involving motivation and compliance. The decision patterns in the professional groups did not differ.
Conclusion: To reduce the length of inpatient treatment to criteria in accordance with DRGs would be to overlook essential professional aspects of a qualified decision process and thus constitute a misleading strategy with regard to effectiveness and efficiency. The use of the criteria found here as components of a quality management process might be a better way to achieve this goal.

Key words

Termination of inpatient treatment, psychiatric experts, effectiveness, efficiency, quality management

Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Band 29, 2001, Heft 4, © 2001 Verlag Hans Huber Bern


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Mütterliche Belastung bei Kindern mit Williams-Beuren-Syndrom, Down-Syndrom, geistiger Behinderung nichtsyndromaler Ätiologie im Vergleich zu der nichtbehinderter Kinder
Maternal stress among mothers of children with Williams-Beuren Syndrome, down's syndrome and mental retardation of non-syndromal etiology in comparison to mothers of non-disabled children

A. Gosch

Universitäts-Klinikum der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Klinik für Allgemeine Pädiatrie, Pädiatrische Psychologie
(Direktor: Prof. Dr. J. Schaub)

(Summary)

Zusammenfassung

Fragestellung: In der vorliegenden Studie sollte geklärt werden, ob sich Mütter von Kindern mit geistiger Behinderung unterschiedlicher Ätiologie (Williams-Beuren-Syndrom ­ WBS, Down-Syndrom ­ DS, nichtsyndromaler Ätiologie ­ LB/GB) von Müttern nichtbehinderter Kinder in ihrem Belastungserleben unterscheiden.
Methodik: Es wurden 85 Mütter von Kindern mit WBS, DS, LB/GB und Mütter von nichtbehinderten Kindern (VG) mithilfe des Patenting Stress Indexes (PSI) befragt. Den Müttern wurde zusätzlich die Child Behavior Checklist (CBCL) vorgelegt, um kindliche Verhaltensauffälligkeiten zu erfassen. Die Parallelisierung fand anhand des Alters der Kinder, des Geschlechts und der Wortschatztestleistung im Hamburg Wechsler Intelligenztest (HAWIK-R) statt.
Ergebnisse: Mütter von Kindern mit WBS und DS weisen einen signifikanten höheren PSI-Gesamtstresswert auf als Mütter von Kindern mit LB/GB und VG. Dieses Ergebnis ist auf signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen bezüglich des kindbezogenen Stresses, aber nicht der elternbezogenen Belastung, zurückzuführen.
Auf Subskalenebene des Kinderbereichs fühlen sich Mütter von Kindern mit WBS und DS im Vergleich zu den anderen beiden Gruppen signifikant durch die kindlichen Anforderungen und dem wenig akzeptablen Verhaltens ihres Kindes belastbar. Mütter von Kindern mit LB/GB beschreiben sich ebenfalls als signifikant belasteter durch ein unakzeptables kindliches Verhalten als Mütter normalentwickelter Kinder.
Mütter von Kindern mit WBS schätzen ihre Belastung durch ein hyperaktives Verhalten, eine geringe Anpassungsfähigkeit und größere Stimmungslabilität ihrer Kinder signifikant höher ein als Mütter der anderen drei Gruppen.
Bezüglich des Erwachsenenbereichs schätzen sich Mütter von Kindern mit DS als signifikant depressiver, weniger kompetent in ihrem Erziehungsverhalten ein und geben mehr Gesundheitssorgen an als Mütter der anderen drei Gruppen.
Mütter von Kindern mit LB/GB fühlen sich im Vergleich zu den anderen Gruppen am wenigsten durch partnerschaftliche Probleme belastet und in ihrer elterlichen Rolle eingeschränkt.
Kein Zusammenhang kann zwischen dem kindlichen Alter, dem sozioökonomischen Status und dem Belastungsgrad gesehen werden, allerdings korrelieren der Grad der geistigen Behinderung als auch der Verhaltensauffälligkeiten signifikant mit dem mütterlichen Belastungsgrad.
Schlussfolgerung: Es kann festgehalten werden, dass es sowohl allgemeine Belastungsfaktoren wie die hohen Anforderungen durch das Kind und sein unakzeptableres Verhalten gibt, die mit einer kindlichen Behinderung einhergehen als auch spezifische, die mit dem Verhaltensphänotyp eines Syndroms assoziiert sind.

Schlüsselwörter

Geistige Behinderung, mütterlicher Stress, hyperaktives Verhalten, Anpassungsfähigkeit

Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Band 29, 2001, Heft 4, © 2001 Verlag Hans Huber Bern

Summary

Objectives: This study assesses the quantity of stress in mothers of children with mental retardation of different etiologies (Williams Syndrome ­ WS, Down Syndrome ­ DS, mental retardation of different etiologies ­ MR) and in mothers of non-disabled children (MA).
Methods: 85 mothers were asked to complete the Parenting Stress Index (PSI) and the Child Behavior Checklist (CBCL). The groups were matched according to the children's age, sex, and verbal comprehension as assessed by the WISC-R. Data on the child's mental age (WISC-R) and the family's socio-economic level were collected.
Results: Significant differences were found in the Child Domain, but not in the Parent Domain of the PSI. According to the Child Domain, mothers of children with WS and DS scored significantly higher on the acceptance and demandingness scales, while mothers of children with MR scored higher on the acceptance scale than did mothers of children with MA. Moreover mothers of children with WS displayed the highest scores on the hyperactivity, mood and adaptability scales. Groups did not differ on the level of experienced reinforcement from their child.
No significant differences were found in the Parent Domain according to the subscales attachment and social isolation. Mothers of children with DS scored higher than the other groups on the scales: depression, sense of competence and parent health. Mothers of children with MR scored lower on restriction of their role as a parent and relationship to their spouse.
The degree of the children's mental retardation as well as conspicuous behavior correlated positively with maternal stress but not the familial socio-economic level or the age of the children.
Conclusions: Generally, mothers of children with mental retardation, regardless of its etiology, find it more difficult to accept their child than do mothers of non-disabled children. Specific behavior problems associated with the behavioral phenotype of a syndrome also influence the level of maternal stress.

Key words

Mental retardation, maternal stress hyperactivity, adaptability

Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Band 29, 2001, Heft 4, © 2001 Verlag Hans Huber Bern


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Übersichtsarbeiten

Antisoziales Verhalten im Jugendalter: Entstehungsbedingungen und Verlaufsformen
Antisocial behavior in adolescence: Origin and courses

M. Laucht

Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim
(Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. Dr. M. H. Schmidt)

(Summary)

Zusammenfassung

Ausmaß und Verbreitung von Gewalt und Delinquenz unter Kindern und Jugendlichen haben in den letzten 15 Jahren kontinuierlich zugenommen. Bei dem Bestreben, dieser Entwicklung entgegenzuwirken, können neuere Erkenntnisse der entwicklungspsychopathologischen und neurobiologischen Forschung wichtige Hilfestellung leisten. In einem Modell von Moffitt werden zwei Entwicklungswege antisozialer Verhaltensprobleme beschrieben, die sich hinsichtlich des Störungsbeginns und -verlaufs unterscheiden: ein Pfad, der durch eine frühzeitig einsetzende und über den Lebenslauf stabile Symptomatik charakterisiert ist («life-course persistent»), sowie ein Pfad mit einem episodenhaften, auf das Jugendalter begrenzten Auftreten antisozialer Auffälligkeiten («adolescence-limited»). Während im letzteren Fall die spezifischen Entwicklungsaufgaben und Lebensbedingungen Jugendlicher eine maßgebliche Rolle bei Entstehung und Verlauf spielen, entsteht persistentes antisoziales Verhalten als Resultat eines transaktionalen Prozesses zwischen Kind und Umwelt. Neben psychosozialen Faktoren kommt dabei biologischen Prädispositionen (genetische Belastung) und psychologischen Dispositionen (Temperaments- und Persönlichkeitsmerkmale) eine zentrale Bedeutung zu. Wichtige Aufschlüsse über die zugrunde liegenden Mechanismen versprechen die jüngsten Fortschritte der neurobiologischen und persönlichkeitspsychologischen Forschung. Die Integration beider Ansätze kann dazu beitragen, Maßnahmen der Prävention und Frühintervention zielgruppenorientierter auszurichten und damit wirkungsvoller zu gestalten.

Schlüsselwörter

Gewalt, Delinquenz, Entwicklungspsychopathologie, biologische Faktoren, psychologische Faktoren

Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Band 29, 2001, Heft 4, © 2001 Verlag Hans Huber Bern

Summary

Both the intensity and prevalence of violence and delinquency among children and adolescents have continued to rise during the past fifteen years. Efforts to counteract this development may benefit from recent evidence from developmental psychopathology and neurobiology. A model proposed by Moffitt describes two developmental pathways into antisocial problem behavior: one path characterized by an early onset and a stable course of symptoms ("life-course persistent") and the other by an episodic ("adolescence-limited") occurrence of antisocial behavior. While in the latter the specific developmental tasks and life circumstances of adolescence play a major role in the pathogenesis, persistent antisocial behavior is perceived to be a result of a transactional process between child and environment. Apart from psychosocial factors, biological predispositions (genetic susceptibility) and psychological dispositions (temperament and personality characteristics) are of primary interest. The recent progress in neurobiological and personality research promises significant insights into the underlying pathogenetic mechanisms. Integrating these approaches may help in targeting prevention and early intervention programs to high-risk groups and may thus contribute to improving their effectiveness.

Key words

Violence, delinquency, developmental psychopathology, neurobiological factors, psychological factors

Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Band 29, 2001, Heft 4, © 2001 Verlag Hans Huber Bern


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Transkranielle Magnetstimulation in der Kinder- und Jugendpsychiatrie: Exzitabilität des motorischen Systems bei Tic-Störungen und/oder Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörungen
Transcranial magnetic stimulation in child and adolescent psychiatry: Excitability of the motor system in tic disorders and/or attention deficit hyperactivity disorders

G. H. Moll, H. Heinrich und A. Rothenberger

Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Georg-August-Universität Göttingen
(Direktor: Prof. Dr. A. Rothenberger)

(Summary)

Zusammenfassung

Mit der transkraniellen Magnetstimulation (TMS) kann die Exzitabilität des motorischen Systems direkt in vivo untersucht werden. Diese Methode wurde deshalb bei Kindern mit solchen Störungsbildern angewandt, bei denen sich eine unzureichende Steuerung, Kontrolle und/oder Regulation motorischer Abläufe feststellen lässt: Eine «musterbezogene» Überaktivität bei Tic-Störungen, eine «allgemeine» motorische Überaktivität bei Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS).
Im Vergleich zu gesunden Kindern waren bei Kindern mit diesen hypermotorischen Störungsbildern unterschiedliche Auffälligkeiten festzustellen: (1) Eine verkürzte Kortikale Silent Period und damit ein Hinweis auf defizitäre inhibitorische Prozesse wahrscheinlich auf Ebene der Basalganglien bei Kindern mit Tic-Störungen (offenbar kein Einfluss klinisch wirksamer Medikamente), (2) eine verminderte intrakortikale Inhibition und damit ein Hinweis auf defizitäre inhibitorische Prozesse eher im Bereich des Motorkortex bei Kindern mit ADHS (Zunahme der intrakortikalen Inhibition unter Methylphenidatgabe). (3) Bei Kindern mit komorbider ADHS und Tic-Störung waren beide neurophysiologischen Veränderungen i.S. eines «additiven» Inhibitionsdefizites im motorischen System aufzeigbar.
Mit diesen TMS-Untersuchungen konnten bei Kindern mit den hypermotorischen Störungsbildern Tic-Störungen und ADHS neue Befunde zur Darstellung neurobiologischer Grundlagen («Inhibitionsdefizite im motorischen System»), zur Frage der Komorbidität («additiver Effekt im motorischen System») sowie zum Wirkmechanismus entsprechender Psychopharmaka («Verbesserung des Inhibitionsvermögens im motorischen System bei ADHS unter Methylphenidat») erarbeitet werden.

Schlüsselwörter

Transkranielle Magnetstimulation, motorisches System, Inhibitionsdefizit, Tic-Störung, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung

Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Band 29, 2001, Heft 4, © 2001 Verlag Hans Huber Bern

Summary

Motor system excitability can be investigated in vivo by means of single and paired pulse transcranial magnetic stimulation (TMS). Whereas the cortical silent period reflects the general degree of inhibitory mechanisms mainly within the sensorimotor loop, intracortical excitability measures the focused degree of inhibitory and facilitatory mechanisms within the motor cortex.
In child and adolescent psychiatric disorders with uncontrollable motor behavior such as tics in tic disorder or motoric hyperactivity in attention deficit hyperactivity disorder (ADHD), different dysfunctional patterns of motor system excitability could be demonstrated compared to age-matched healthy controls: (1) In tic disorder, a shortened cortical silent period was observed, providing evidence of deficient inhibitory mechanisms within the sensorimotor loop, probably primarily at the level of the basal ganglia. (2) In ADHD, a decreased intracortical inhibition was found, probably reflecting deficient inhibitory mechanisms within the motor cortex (but enhancement of intracortical inhibition after oral intake of 10 mg methylphenidate). In order to investigate neurophysiological aspects of comorbidity, (3) motor system excitability was also measured in children with combined ADHD and tic disorder. The findings of a reduced intracortical inhibition as well as a shortened cortical silent period in these comorbid children provide evidence of additive effects at the level of motor system excitability.
These decreased inhibitory mechanisms within the entire sensorimotor loop and especially the motor cortex could be essential neurobiological substrates of the deficient inhibitory motor control and regulation, respectively, in tic disorder and ADHD.

Key words

transcranial magnetic stimulation, motor system, inhibition, tic disorder, attention deficit hyperactivity disorder

Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Band 29, 2001, Heft 4, © 2001 Verlag Hans Huber Bern


wwwadmin@HansHuber.com, 5. November 2001