Originalarbeiten / Original communications
J. Martinius: Schmerzensgeldforderungen aufgrund immaterieller Schäden: Die kinder- und jugendpsychiatrische Begutachtung im Zusammenhang mit der geänderten Rechtssprechung / Forensic evaluation of immaterial injury (pain, suffering) in child and adolescent psychiatry in view of the revised legislation
J.M. Fegert: Kinderpsychiatrische Begutachtung und die Debatte um den Mißbrauch mit dem Mißbrauch / Expert opinions in child psychiatry and the debate on false allegations of sexual abuse
R. Volbert: Glaubwürdigkeitsbegutachtung bei Verdacht auf sexuellen Mißbrauch von Kindern / Assessing credibility in cases of alleged sexual abuse of children
G.-E. Trott, H.-J. Friese, S. Wirth: Kinder als Zeugen von Gewalttaten: Konsequenzen für die Aussagefähigkeit / Children as witnesses to violence: Effects on the value of their testimony
S. Overmeyer, B. Blanz, M.H. Schmidt, F. Rose, M. Schmidbauer: Schulverweigerung - Eine katamnestische Untersuchung zu dem diagnostischen Konzept von "Schulphobie" und "Schulangst" / School refusal: A follow-up study on the diagnostic concepts of "school phobia" and "school anxiety"
Kasuistik / Case report
G. Niebergall, S.L. Sporer, A. Warnke: Zur Glaubwürdigkeit und zu weiteren psychologischen Problemen bei Zeugenaussagen junger Kinder im Strafermittlungsverfahren: Eine Fallstudie / Credibility and other psychological problems associated with young children as eyewitnesses to violent crimes: A case study 44
Institut und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Ludwig-Maximilians-Universität München, Heckscher-Klinik (Direktor: Prof. Dr. J. Martinius)
Zu den forensischen Fragestellungen, mit denen die Kinder- und Jugendpsychiatrie befaßt wird, gehört auch die Begutachtung immaterieller Schäden im Zusammenhang mit Schmerzensgeldforderungen (§ 847 BGB). Bei schweren Hirnschäden mit weitgehendem Ausfall der Wahrnehmungs- und Erlebnisfähigkeit galt bisher der Grundsatz, daß Schmerzensgeld lediglich als symbolhafte Wiedergutmachung gezahlt werden mußte, da eine Genugtuung nicht empfunden werden konnte. Der Bundesgerichtshof hat diese Auffassung inzwischen revidiert, indem er Fallgruppen unterscheidet. Die neu geschaffene Fallgruppe betrifft Verletzte mit schweren Hirnschäden, bei denen der "Verlust an personaler Qualität" allein schon die Forderung nach Ausgleich begründet. Die Konsequenzen für die Begutachtung liegen in einer nach Möglichkeit quantitativen Beschreibung und einer Interpretation der Befunde, die auf die Begrifflichkeit der Rechtsprechung ausgerichtet ist.
Stichworte
Schmerzensgeldforderung, immaterielle Schäden, Begutachtung
Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie 23, 1995, Heft 1, © Verlag Hans Huber, Bern
Child and adolescent psychiatry is concerned with many forensic questions. Among these, expert testimony about immaterial injury (pain, suffering) in conjunction with claims for compensation is being requested with increasing frequency. Until recently German law took the position that in cases of severe brain damage compensation (smart money) had to be granted only as a symbolic payment because the loss of cognition and lack of suffering excluded a feeling of satisfaction resulting from compensation. The highest court in Germany has now revised its position by introducing a new category of immaterial injury. This additional category refers to cases of severe brain damage where the "loss of personal quality" in itself creates the basis for a claim for compensation. As a result, related medical examinations and evaluations require as careful a description as possible and the use of scales to assess quality of life.
Keywords
claims for compensation, immaterial injury, forensic evaluation
Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie 23, 1995, Heft 1, © Verlag Hans Huber, Bern
Abteilung für Psychiatrie und Neurologie des Kindes- und Jugendalters der Freien Universität Berlin (Leitung: Prof. Dr. med. Ulrike Lehmkuhl)
Die gegenwärtige Diskussion um den "Mißbrauch mit dem Mißbrauch" führt zu einer Polarisierung der fachlichen Äußerungen über die Glaubwürdigkeit von Kindern in solchen Fällen. Eine phänomenologische Betrachtung von Verfälschungsgründen auf unterschiedlichen Ebenen versucht den Blick sowohl für richtige wie auch für falsch negative, wie falsch positive Einschätzungen zu schärfen. Auf der Basis einer retrospektiven Analyse von 50 konsekutiven vormundschaftsgerichtlichen und familiengerichtlichen Gutachten können wir auch in Trennungsfällen in unserer Alltagspraxis nicht von einem Massenphänomen der Falschbeschuldigungen sprechen. Nur in etwas über einem Drittel der Gutachten ging es überhaupt um einen Mißbrauchsverdacht.
In 4 von 20 Mißbrauchsverdachtsfällen waren wir der Ansicht, daß der Mißbrauchsverdacht ungerechtfertigt gewesen war, wobei aber nur in einem Fall eine klare Falschbeschuldigung durch eine Jugendliche vorlag. Mißbrauchsfragestellungen waren bei Mädchen häufiger als bei Jungen.
Stichworte
sexueller Mißbrauch, Kindeswohl, Begutachtung, Falschaussagen (in der Trennungssituation)
Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie 23, 1995, Heft 1, © Verlag Hans Huber, Bern
The current discussion on false allegations in sexual abuse cases has led to a polarization in the views expressed about the credibility of children. Some authors even speak of a "child sexual accuse syndrome" or of a "sexual abuse allegation in divorce" (SAID) syndrome. A phenomenological analysis of the multiple reasons for misinterpretations is presented. Instead of stressing the importance only of false positives in child sexual abuse questions, an attempt is made to describe reasons for false negatives. Based on a retrospective analysis of 50 consecutive child psychiatric expertises in connection with court cases, there does not appear to be an increase in false accusations. Rather, only about one third of the cases even involved suspected sexual abuse. Sexual abuse allegations were much more frequent in girls than in boys. Of 20 abuse allegations we judge four to be false allegations. In only one of these cases, that of an adolescent girl who had been abused in childhood, was the false allegation intended.
Keywords
sexual abuse, best interests of the child, forensic evaluation, false accusations (in divorce situation)
Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie 23, 1995, Heft 1, © Verlag Hans Huber, Bern
Institut für Forensische Psychiatrie der Freien Universität Berlin
Verfahren zur Systematisierung der Erhebung und Prüfung relevanter Informationen für Glaubhaftigkeitsbeurteilungen bei Verdacht auf sexuellen Mißbrauch werden beschrieben. Es werden Einwände gegen Glaubwürdigkeitsbegutachtungen erörtert und gezeigt, daß psychologisches Wissen existiert, welches zur Klärung der relevanten Fragen einen erheblichen Beitrag leisten kann.
Stichworte
Glaubwürdigkeitsbegutachtung, sexueller Mißbrauch, Sexualdelikt
Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie 23, 1995, Heft 1, © Verlag Hans Huber, Bern
Systematic methods for obtaining and evaluating information from children in an interview situation in cases of alleged sexual abuse are described and objections to assessments of credibility are discussed. It is shown that psychological knowledge exists that can contribute substantially to the investigation of sexual abuse allegations.
Keywords
assessment of credibility, sexual abuse
Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie 23, 1995, Heft 1, © Verlag Hans Huber, Bern
Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der
Universität Würzburg
(Direktor: Professor Dr. A. Warnke)
Lange Zeit wurde die Verwertbarkeit kindlicher Zeugenaussagen vor Gericht gering geschätzt. Die Ansicht, daß die Glaubwürdigkeit von Kindern grundsätzlich zu bezweifeln sei, wird in dem vorliegenden Artikel nicht unterstützt. Anhand verschiedener Untersuchungen wird belegt, daß selbst junge Kinder bereits in der Lage sind, forensisch relevante Aussagen zu machen. Besonderheiten des Entwicklungsstandes, des Gedächtnisses und der Suggestibilität von Kindern werden näher erläutert. An einer Fallgeschichte (Kind als Zeuge der Ermordung beider Eltern) wird die Bedeutung der alterstypischen Besonderheiten des emotionalen Erlebens, der Gedächtnisengrammbildung und der Fähigkeit des Kindes, Erinnerungen abzurufen, verdeutlicht. Schon bei den ersten Anhörungen von kindlichen Zeugen ist es wichtig, eine kinderfreundliche, nicht ängstigende Atmosphäre zu schaffen und dem Kind Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln. Ein erfahrener Kinder- und Jugendpsychiater sollte frühzeitig hinzugezogen werden.
Stichworte
Kindliche Zeugenaussagen, Kindliche Aussagefähigkeit, Begutachtung kindlicher Zeugen
Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie 23, 1995, Heft 1, © Verlag Hans Huber, Bern
For many years testimony by children was considered to be of little value. The authors of the present article do not share the view that the credibility of children should generally be questioned. Different investigations show that even young children are able to make forensically relevant depositions. The roles of developmental stage, memory and suggestibility of children are discussed in detail. A case report of a child who witnessed the murder of both parents demonstrates the importance of age-related aspects of emotional experience, development of memory and the ability of children to recall memories. Even at the first hearings it is important to establish a nonthreatening atmosphere in which the child can feel safe and protected. An experienced child and adolescent psychiatrist should be consulted early on.
Keywords
children as witnesses, credibility of children as witnesses, forensic evaluation of child witnesses
Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie 23, 1995, Heft 1, © Verlag Hans Huber, Bern
Kinder- und Jugendpsychiatrische Klinik am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim (Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. Dr. M.H. Schmidt)
Die Studie untersuchte 26 Patienten mit "Schulphobie" und "Schulangst" durchschnittlich 2.4 Jahre nach der statio-nären Behandlung wegen einer Schulverweigerung, um
Unterschiede im mittelfristigen Verlauf beschreiben zu
können. Zusätzlich sollten Prädiktoren für einen günstigen Verlauf von Schulverweigerungen gefunden werden.
Das Durchschnittsalter der 12 Patienten mit "Schulphobie" und 14 Patienten mit "Schulangst" betrug 12.7 Jahre. Mit dem Mannheimer Elterninterview und den Mannheimer Skalen zur Beurteilung von Funktionsbereichen erfolgte die Beurteilung der psychischen Auffälligkeit. Prädiktoren waren Variablen, die mittels Aktenführung und Basisdokumentation bei der stationären Behandlung erhoben wurden.
Es fand sich kein Unterschied im Verlauf beider Syndrome: Eine geringere Autonomie deutete sich tendenziell bei Patienten mit "Schulphobie" an. Einen besseren Verlauf zeigten tendenziell Mädchen und Patienten mit weniger Schulfehltagen vor der stationären Behandlung.
Insgesamt erscheint eine Differenzierung des Verlaufs mit dem Konzept der nicht dissozialen Schulverweigerung entgegen den vorherigen Erwartungen nicht möglich. Dies sollte Anlaß für neue Klassifikationsüberlegungen sein.
Stichworte
Schulverweigerung, Schulphobie, Schulangst, Diagnostisches Konzept, Katamnestische Untersuchung
Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie 23, 1995, Heft 1, © Verlag Hans Huber, Bern
Twenty-six patients diagnosed with school refusal were examined 2.4 years after inpatient treatment. The long-term course of patients with "school phobia" (school refusal unrelated to school) and that of patients with "school anxiety" (school refusal related to school) were compared. In addition, an attempt was made to identify variables predictive of a good outcome.
The mean age of the 12 patients with "school phobia" and the 14 patients with "school anxiety" was 12.7 years at the start of inpatient treatment. The assessment of psychiatric disturbances was based on structured interviews for parents and adolescents (MEI and MADEL, 1989) and the dimensional assessment scales of functioning for children and adolescents (MSBF). The variables assessed for predictive value were taken from the patients' records during inpatient treatment and from the hospital documentation system.
There was no difference in outcome between the two syndrome groups. There was a tendency to less autonomy in the patients with "school phobia". Girls had a better outcome than boys, as did patients with less absence from school prior to inpatient treatment.
Overall there was no difference in the outcome of "school phobia" and "school anxiety". Therefore a new classification should be considered.
Keywords
school refusal, school phobia, school anxiety, diagnostic concepts, follow-up study
Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie 23, 1995, Heft 1, © Verlag Hans Huber, Bern