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Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Nr. 4, 1999


Originalarbeiten / Original communication

Haptische Wahrnehmung und EEG-Veränderungen bei Anorexia nervosa
Haptic perception and EEG power changes in anorexia nervosa

M. Grunwald1, C. Ettrich2, B. Assmann2, A. Dähne2, W. Krause3, L. Beyer4,

R. Rost5 und H.-J. Gertz1

EEG-Forschungslabor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie der Universität Leipzig (Leiter: Prof. Dr. M.C. Angermeyer)
1 Universität Leipzig, Klinik für Psychiatrie, EEG-Forschungslabor
2 Universität Leipzig, Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie
3 Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut für Psychologie, Lehrstuhl Allgemeine Psychologie
4 Ärztehaus Mitte, Jena
5 Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut für Physiologie, Neurophysiologie 1

(Summary)

Zusammenfassung

Fragestellung: 1. Die haptische Wahrnehmungsfähigkeit anorektischer Patientinnen (AN; n = 13) ist gegenüber gleichaltrigen gesunden Probanden (KO; n = 13) beeinträchtigt. 2. Die hirnelektrische Aktivität während haptischer Explorationsanforderungen ist bei anorektischen Patientinnen im Vergleich zu gesunden Kontrollen im Theta-Band (Power) über dem rechten parietalen Kortex signifikant geringer ausgeprägt.
Methodik: Die Struktur von 6 Tiefenreliefmustern sollte mit beiden Händen, bei geschlossenen Augen, erfaßt und zeichnerisch (mit geöffneten Augen) reproduziert werden. Sowohl während der haptischen Explorationsanforderungen als auch in anforderungsfreien Ruhesituationen wurde ein 19kanaliges EEG aufgezeichnet und spektrale EEG-Parameter (absolute Theta-Power) berechnet.
Ergebnisse: Es konnte gezeigt werden, daß die Wahrnehmungsgüte der anorektischen Patientinnen im haptischen Test gegenüber gesunden Kontrollpersonen deutlich eingeschränkt war. Die spektrale Leistung der AN Gruppe im Theta-Band war gegenüber der Kontrollgruppe unter Ruheanforderungen über Pz und T6 höher und unter haptischen Explorationsbedingungen über P3, Pz, P4, T6, O1 und O2 geringer ausgeprägt. Dabei zeigte sich eine geringere Power in der Patientengruppe über dem rechten parietalen Kortex. Während der haptischen Explorationsbedingungen ­ im Vergleich zu den Ruhebedingungen ­ zeigte sich bei der Patientengruppe eine global über dem Kortex verteilte Abnahme der Theta-Leistung. Die Verteilung der Theta-Aktivität in der AN Gruppe spricht für eine erhöhte perzeptiv-kognitive Ressourcenbeanspruchung während der Testanforderungen und für einen gestörten multisensorischen Integrationsprozeß im rechten Parietallappen.

Schlüsselwörter

Haptische Wahrnehmung, hirnelektrische Aktivität, Anorexia nervosa, rechter parietaler Cortex, haptische Explorationsanforderungen

Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Band 27, 1999, Heft 4, © 1999; Verlag Hans Huber AG, Bern

Summary

Objectives: We predicted that due to diminished somatosensory integrative ability, the anorectic patients would have problems reproducing haptic stimuli. In addition we sought to determine whether EEGs from anorectic patients (AN) and the healthy controls (CO) would show discrepancies between the two groups during haptic explorations in theta-power over the right parietal region.
Method: EEG power (theta-power) data of AN (n = 13) and CO (n = 13) were analyzed during haptic exploration tasks and rest intervals. The haptic explorations consisted of palpating the structure of six sunken reliefs in sequence with both hands, eyes closed. After each exploration the structure was drawn on a piece of paper.
Results: The reproductions of haptic stimuli submitted by the anorectic patients were of notably poorer quality than those of the healthy controls. During rest intervals and haptic explorations, spectral power was generally lower in the AN group in comparison to the healthy controls. Significant theta-power differences between groups showed over the right parietal cortex during haptic explorations. The decrease in EEG power in the anorectic patients in the theta bands across the right parietal region during haptic exploration tasks could be interpreted as a minor activation of visuo-spatial regions. The results of the haptic explorations as well as the EEG-power changes indicate a cortical dysfunction and deficits in somatosensory integration processing in anorexia nervosa patients.

Keywords

Somatosensory integrative ability, EEG-power, anorexia nervosa, right parietal cortex, haptic explorations

Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Band 27, 1999, Heft 4, © 1999; Verlag Hans Huber AG, Bern


Ausschluß rezeptiver Sprachstörungen mittels des ADOS (Autism Diagnostic Observation Schedule)
Exclusion of specific receptive language disorders by means of ADOS (Autism Diagnostic Observation Schedule)

M. Noterdaeme1, U. Kurz*1, K. Mildenberger2, S. Sitter2 und H. Amorosa1

1Heckscher Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie (Direktor: Dr. F.J. Freisleder) Außenstelle München-Solln: Abteilung für teilleistungs- und verhaltensgestörte Kinder (Leiterin: Frau Prof. Dr. H. Amorosa)
2Institut für Soziale Pädiatrie der Ludwig-Maximilians-Universität München (Direktor: Prof. Dr. H. von Voß)

(Summary)

Zusammenfassung

Fragestellung: In einer Pilotstudie soll die Reliabilität und Validität des Beobachtungsinstruments «Autism Diagnostic Observation Schedule» (ADOS) untersucht werden. Es wird überprüft, inwieweit eine differentialdiagnostische Abgrenzung zwischen Kindern mit einem frühkindlichen Autismus und Kindern mit einer umschriebenen rezeptiven Sprachentwicklungsstörung möglich ist.
Methodik: Bei acht autistischen Jungen und acht alters- und IQ-parallelisierten Jungen mit einer umschriebenen rezeptiven Sprachentwicklungsstörung wurde das ADOS durchgeführt. Die Reliabilitätsüberprüfung wurde von acht Rater-Paaren vorgenommen. Die Übereinstimmung zwischen der diagnostischen Zuordnung anhand des ICD-10-Algorithmus des ADOS und der unabhängigen klinisch-psychiatrischen Diagnose zweier Expertinnen wurde als Maß für die Validität des Instruments benutzt.
Ergebnisse: Es stellte sich heraus, daß Rater mit Erfahrung im Bereich der tiefgreifenden Entwicklungsstörungen eine gute Übereinstimmung bei der Bewertung der verschiedenen ADOS-Items erreichten. Anhand verschiedener Einzelitems konnten klare Gruppenunterschiede ermittelt werden. Der ADOS-ICD-10-Algorithmus konnte die klinische Diagnose eines frühkindlichen Autismus bei fünf der acht Kinder aus dieser Gruppe bestätigen. Kein Kind mit der klinischen Diagnose einer rezeptiven Sprachentwicklungsstörung wurde anhand des Algorithmus der Gruppe der autistischen Kinder zugewiesen.
Schlußfolgerungen: In geschulter Hand ist das ADOS ein reliables Untersuchungsinstrument. Es kann die differentialdiagnostische Abklärung zwischen frühkindlichem Autismus und rezeptiver Sprachentwicklungsstörung unterstützen, zusätzliche Elternangaben sind aber notwendig, um die Diagnose zu sichern.

Schlüsselwörter

Frühkindlicher Autismus, rezeptive Sprachentwicklungsstörung, Diagnose, ADOS

Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Band 27, 1999, Heft 4, © 1999; Verlag Hans Huber AG, Bern

Summary

Objective: The purpose of our pilot study was to assess the reliability and diagnostic validity of the Autism Diagnostic Observation Schedule (ADOS). The usefulness of the schedule in the differentiation between children with autism and children with a severe specific receptive language disorder is examined.
Method: Eight boys with early infantile autism and eight age- and IQ-matched boys with a specific receptive language disorder were examined with the ADOS. The reliability of the instrument was assessed using the ratings of eight pairs of raters. The agreement between diagnostic classification based on the ADOS ICD-10 algorithm and the independent clinical psychiatric diagnosis of two experts was used as the measure of validity.
Results: The reliability of the different ADOS items proved to be good among experienced raters. Various ADOS items clearly discriminate both groups. Using the ADOS ICD-10 algorithm, the clinical diagnosis of infantile autism could be confirmed for five of the eight children in this group. None of the children with the clinical diagnosis of a receptive language disorder was identified as autistic according to the algorithm.
Conclusions: In the hands of experienced raters the ADOS is a reliable diagnostic instrument. It can support the differentiation between autism and specific receptive language disorder, but additional parent information is needed to confirm the diagnosis.

Keywords

Infantile autism, receptive language disorder, diagnosis, ADOS

Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Band 27, 1999, Heft 4, © 1999; Verlag Hans Huber AG, Bern


Herz- bzw. Lebertransplantation bei Jugendlichen. Ergebnisse einer Expertenbefragung
Heart or liver-transplantation in adolescents. Results of interviews with experts.

P. Terzioglu, B. Mielke-Egelhofer, M. Völger, J. Fegert und U. Lehmkuhl

Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Charité, CVk der Humboldt-Universität zu Berlin (Direktorin: Prof. Dr. U. Lehmkuhl)

(Summary)

Zusammenfassung

Es werden Ergebnisse einer Expertenbefragung mit Ärzten und Psychologen aus dem Transplantationsbereich dargestellt.
Fragestellung: Welche Beratungskonzepte haben die Experten? Wie wird die postoperative Lebensqualität und die psychosoziale Entwicklung jugendlicher Transplantierter dargestellt?
Methodik: Es wurden Interviews mit vier Ärzten und zwei Psychologen, die im Bereich Herz- bzw. Lebertransplantationen tätig sind, durchgeführt. Die Auswertung erfolgte entsprechend der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring.
Ergebnisse: Die Beratung der Patienten vor der Transplantation wird als sehr schwierig beschrieben, da nicht abzuschätzen ist, inwieweit die Jugendlichen die Implikationen des Eingriffs antizipieren können. Obwohl die Lebensqualität sich in medizinischer Hinsicht verbessert, kann die psychosoziale Entwicklung beeinträchtigt sein. Der Beziehung zwischen Arzt und Patient kommt im Transplantationsbereich eine besondere Bedeutung zu.
Diskussion: Bei den Experten besteht ein großer Bedarf an psychologischer Forschung. Im Bereich der Lebensqualitätsforschung wird der Einsatz qualitativer Verfahren gefordert. Gleichzeitig machen die Ergebnisse deutlich, wie wichtig die Entwicklung psychologischer Betreuungskonzepte für transplantierte Jugendliche ist.

Schlüsselwörter

Transplantation, Lebensqualität, psychosoziale Entwicklung, Beratungskonzepte

Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Band 27, 1999, Heft 4, © 1999; Verlag Hans Huber AG, Bern

Summary

The following paper presents the results of interviews with transplant experts.

Objective: What counseling concepts do experts use? How do they describe the quality of life following the transplantation? How do they judge the psychosocial development of transplanted adolescents?
Method: Four physicians and two psychologists, all working in the field of heart or liver transplantation, were interviewed. The evaluation was conducted according to Mayring's Qualitative Content Analysis.
Results: Counseling adolescent patients in the face of a transplantation is described as very difficult, as it is hard to estimate the extent to which they can anticipate the implications of surgery. Although from a medical point of view the quality of life improves, restrictions concerning psychosocial development persist. The relationship between the physician and the patient in the field of transplantation appears to be extraordinarily close.
Discussion: It became clear that the experts are highly interested in psychological research concerning transplantation in adolescents and that they prefer the use of qualitative methods in quality-of-life research. Additionally, the results stress the need for the development of psychological counseling concepts for this group of patients.

Keywords

Transplantation, quality of life, psychosocial development, counseling concepts

Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Band 27, 1999, Heft 4, © 1999; Verlag Hans Huber AG, Bern


Übersichtsarbeiten / Review articles

Enkopresis: Ein Literaturüberblick von 1988 bis 1998
Encopresis: Review of the literature (1988­1998)

N. Peschke, M. Roth, K. Reitzle und A. Warnke

Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinik Würzburg (Direktor: Prof. Dr. A. Warnke)

(Keywords)

Schlüsselwörter

Enkopresis, Übersicht, diagnostische Methoden, therapeutische Ansätze, Verlauf

Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Band 27, 1999, Heft 4, © 1999; Verlag Hans Huber AG, Bern

Keywords

Encopresis, review, diagnostic methods, therapeutic approaches, outcome

Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Band 27, 1999, Heft 4, © 1999; Verlag Hans Huber AG, Bern


Die Geschichte der Kinderpsychiatrie in den USA
History of child psychiatry in the USA

John J. Schwab und Mary E. Schwab-Stone

Department of Psychiatry and Behavioral Sciences, University of Louisville, School of Medicine, Louisville. Child Study Center, Yale University, New Haven, USA

(Keywords)

Schlüsselwörter

Kinderpsychiatrie in den USA, Geschichte, Child Guidance Center, Amerikanische Gesellschaft für Kinderpsychiatrie, soziale Reformen, Psychoanalyse, Familien-Psychiatrie

Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Band 27, 1999, Heft 4, © 1999; Verlag Hans Huber AG, Bern

Keywords

Child psychiatry in the USA, history, child guidance center, American Academy of Child Psychiatry, social reform, psychoanalysis, family psychiatry

Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Band 27, 1999, Heft 4, © 1999; Verlag Hans Huber AG, Bern


Aus Klinik und Praxis

Tuberöse Sklerose und organische bipolare Störung bei einer 15jährigen Jugendlichen
Tuberous sclerosis and organic mood disorder in a 15-year-old girl.

U. Hagenah1, H. Coners1, F. Kotlarek2 und B. Herpertz-Dahlmann1

1Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Universitätsklinikum der RWTH Aachen, Neuenhofer Weg 21, 52074 Aachen (Direktorin: Univ.-Prof. Dr. B. Herpertz-Dahlmann)
2Kinderklinik, Universitätsklinikum der RWTH Aachen, Sozialpädiatrisches Zentrum, Pauwelsstraße 30 52074 Aachen (Direktor: Univ.-Prof. Dr. G. Heimann)

(Summary)

Schlüsselwörter

Wir berichten über eine Patientin mit tuberöser Sklerose, die im Alter von 15 Jahren unter antiepileptischer Medikation mit Oxcarbazepin mehrere rasch wechselnde Episoden (rapid cycling) einer bipolaren Erkrankung entwickelte. Eine Kombinationsbehandlung mit Oxcarbazepin und Valproat bei in dieser Phase erstmals auftretenden Grand-mal-Anfällen erwies sich als nicht ausreichend zur Prophylaxe der affektiven Symptomatik. Eine wesentliche Stabilisierung des klinischen Bildes erfolgte unter zusätzlicher, niedrig dosierter Lithium-Einstellung, die durch wiederholt auftretende Hyperkaliämien erschwert wurde.

Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Band 27, 1999, Heft 4, © 1999; Verlag Hans Huber AG, Bern

Summary

We present the case of a 15-year-old girl with tuberous sclerosis who developed rapid cycling bipolar disorder under treatment with the anticonsulvant oxcarbazepine. Because of first occurrence of grand mal-seizures combined treatment with Valproate became necessary, but failed to prevent relapses of bipolar disorder. Mood stabilization was noticed under additional treatment with lithium, which was complicated by an increase of serum potassium.

Keywords

Organic mood disorder, tuberous sclerosis, lithium, valproate, oxcarbazepine, treatment, case study

Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Band 27, 1999, Heft 4 © 1999; Verlag Hans Huber AG, Bern


wwwadmin@hanshuber.com , 24. November 1999