../Verlag%20Hans%20Huber


Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, Heft 2, 1997

Die Funktion kognitiver Ressourcen im Leseprozeß
The function of cognitive resources in the reading process

Joachim Thomas

(Summary)

Zusammenfassung

Gegenstand der vorliegenden Untersuchung ist die Funktion des Arbeitsgedächtnisses beim Lesen unter Berücksichtigung von aufgabenübergreifenden und aufgabenspezifischen Modellannahmen. Die erste Studie prüfte die Funktion der Phonologischen Schleife bei der Speicherung der Textinformation. Insgesamt 55 Schüler des 5. und 6. Schuljahres sollten einen Text abschreiben. Erfaßt wurden die Länge der abgeschriebenen Textsegmente und die Fehler. Zahlenspanne vorwärts und rückwärts und ein Lesespannentest dienten als Schätzer für die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses. Mit der Segmentierungsleistung wurde erfaßt, inwieweit die Schüler bei der Bildung von Speichereinheiten die syntaktische Struktur des Satzes nutzten. Die Ergebnisse zeigten Zusammenhänge zwischen der Zahlenspanne vorwärts, dem Lesespannentest sowie der Segmentierungsleistung und der Länge der abgeschriebenen Textsegmente.
Neben einer Replikation der vorliegenden Ergebnisse untersuchte die zweite Studie die Funktion des Arbeitsgedächtnisses beim sinnverstehenden Lesen. 58 Schüler der Klassen 5 bis 7 bearbeiteten dazu eine Aufgabe zum Textverstehen. Deutliche Zusammenhänge der Leistungen im Textverstehen mit der Zahlenspanne rückwärts, der Lesespanne und der Segmentierungsleistung weisen auf eine Beteiligung der Verarbeitungskomponente des Arbeitsgedächtnisses beim Textverstehen hin. In keiner der beiden Studien erwies sich die Lesespanne als aufgabenspezifischer Schätzer für das Arbeitsgedächtnis den aufgabenübergreifenden Maßen eindeutig als überlegen. Die Ergebnisse sprechen damit für die Annahme eines aufgabenübergreifenden Konstruktes «Arbeitsgedächtnis».

Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, Band 11, 1997, Heft 2, © Verlag Hans Huber, Bern

Summary

In our research we analyzed the function of limited cognitive capacity for the reading process. We compared a model of task-independent resources to a model of multiple, task-dependent resources. In the first experiment, we analyzed the function of the phonological loop during storage of text. 55 students (5th and 6th grade) had to read and to copy a text. The length of copied units and the error rate were the dependent variables. Several estimates for the capacity of working memory were used: forward digit span, backward digit span and reading span. A segmentation task should clarify if the students used syntactic information in order to derive adequate copying units.
Significant correlations of forward digit span with the copy span show that the phonological loop plays an important role in this task. In an additional study we replicated the results of the first study and we examined the function of working memory in reading for comprehension. Fifty-eight persons were presented a text comprehension task. Strong correlations of backward digit span, reading span and segmentation task demonstrate the importance of the processing component of working memory in this task. None of the experiments showed that the reading span, as a task-dependent measure, was a better predictor for reading behavior. This result gives evidence to a task-independent working memory system.

Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, Band 11, 1997, Heft 2, © Verlag Hans Huber, Bern


Geschlechtsdifferenzen bei Raumvorstellungsaufgaben - eine Frage der Strategie?
Gender differences in spatial ability tasks - a question of strategy?

Ingmar Hosenfeld, Bernd Strauss & Olaf Köller

(Summary)

Zusammenfassung

Die vorliegende Studie befaßt sich mit den Zusammenhängen zwischen den häufig berichteten Geschlechtsunterschieden zugunsten männlicher Probanden für Aufgaben des räumlichen Vorstellungsvermögens und der Wahl verschiedener Bearbeitungsstrategien. Zwei Strategien können unterschieden werden: eine holistische, bei der der Stimulus mental als Ganzes transformiert wird, und eine analytische, bei der Detailvergleiche vorgenommen werden (vgl. Cooper 1976). Es wurde untersucht, ob die Wahl der Strategie, die effektivere Anwendung der Strategie oder beides gemeinsam zu den höheren Leistungen der männlichen Probanden führt. N = 403 Schülerinnen und Schülern wurden die Würfelaufgaben des IST (Amthauer 1953) vorgegeben. Mit Hilfe des Mixed-Rasch-Modells (J. Rost 1990) konnte gezeigt werden, daß sich die vermuteten latenten Strategiewahlklassen (Holistiker und Analytiker) identifizieren lassen. Es ergeben sich Hinweise, daß der Geschlechtsunterschied primär durch die höhere Effizienz bei der Anwendung der angemessenen Strategie erklärt werden kann.

Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, Band 11, 1997, Heft 2, © Verlag Hans Huber, Bern

Summary

This study deals with the relationship between the often reported gender difference (i.e., males outperform females) in spatial ability and the choice of strategy. Two strategies are taken into account: A holistical strategy in which the stimulus is transformed mentally as a whole, and an analytical approach which concentrates on the comparison of details of the stimulus (cf. Cooper 1976). Our investigation was carried out to test whether males' higher spatial ability scores are due to choosing the superior (holistical) strategy, or the greater effectiveness in applying the superior strategy or whether both factors contribute to the effect. Data from n = 403 students on the cubes-subscale from the IST (Amthauer 1953) were analyzed by means of the mixed-Rasch-model (J. Rost 1990). As expected, two latent classes applying different strategies (holistical vs. analytical) were identified. Moreover, results indicate that male superiority in spatial ability is explained by the greater effectiveness in applying the superior strategy.

Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, Band 11, 1997, Heft 2, © Verlag Hans Huber, Bern


Informationssuche und Kohärenzbildung beim Wissenserwerb mit Hypertext
Information search and coherence formation in knowledge acquisition from hypertext

Wolfgang Schnotz & Thomas Zink

(Summary)

Zusammenfassung

Hypertexte bieten im Vergleich zu traditionellen, linearen Texten die Möglichkeit einer stärkeren Selbststeuerung des Wissenserwerbs. Gleichzeitig stellen sie zusätzliche Anforderungen, da instruktionale Entscheidungen hinsichtlich der Informationsauswahl und Informationssequenzierung hier nicht vom Autor, sondern vom Lernenden selbst getroffen werden müssen. Hierzu bedarf es einer hinreichend spezifischen Zielorientierung, da andernfalls Kriterien für diese instruktionalen Entscheidungen fehlen würden. In einer empirischen Untersuchung wurde geprüft, wieweit der Wissenserwerb mit Hypertexten bei Lernanfängern durch Vermittlung einer spezifischen Zielorientierung unterstützt werden kann. Probanden mit geringen Vorkenntnissen sollten anhand eines Hypertexts oder eines linearen Texts Wissen über einen komplexen Sachverhalt erwerben, wobei die Hälfte der Lernenden eine spezifische Zielorientierung in Form bestimmter Lernaufgaben erhielt, während der anderen Hälfte der Probanden keine spezifische Zielorientierung gegeben wurde. Den Ergebnissen zufolge sind lineare Texte für einen Wissenserwerb ohne spezifische Zielorientierung besser geeignet als Hypertexte. Für einen Wissenserwerb mit spezifischer Zielorientierung hingegen scheinen Hypertexte besser geeignet zu sein, da sich die Verarbeitung in höherem Maße auf die zielrelevante Information konzentrieren kann. Voraussetzung hierfür ist allerdings, daß der Lernende eine hinreichend klare Zielvorstellung der relevanten Textinformation hat und in der Lage ist, bei der Informationssuche zielrelevante Informationen als solche zu identifizieren. Prozesse der Zielspezifikation und der Informationsbewertung verdienen demnach beim Wissenserwerb mit Hypertexten besondere Aufmerksamkeit.

Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, Band 11, 1997, Heft 2, © Verlag Hans Huber, Bern

Summary

Hypertexts provide more possibilities of self-regulated learning than traditional linear texts. However, they put also additional demands on the learner, as instructional decisions of selecting and sequencing of information have to be made by the learner him/herself instead of the author. Such decisions require a sufficiently clear aim as an orientation, because the learner would otherwise possess no criteria to make the necessary instructional decisions. An empirical study was carried out to investigate whether novices' knowledge acquisition from hypertexts can be supported by providing them a specific goal orientation. Learners with low prior knowledge had to learn a complex subject matter either from a hypertext or from a linear text. Half of the learners were given a specific goal orientation by means of certain learning tasks, whereas the other half received no such goal orientation. The results indicate that linear texts are better suited for learning without a specific goal orientation than hypertexts. Hypertexts seem to be better suited for learning with a specific goal orientation, because processing can be focused more on the task relevant information. Positive effects of learning from hypertexts are only to be expected, however, if learners have a sufficiently clear aim of the information to be searched for and if they are also able to identifiy the corresponding text information as goal relevant. Processes of specifying information aims and processes of information evaluation deserve therefore special attention in learning from hypertexts.

Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, Band 11, 1997, Heft 2, © Verlag Hans Huber, Bern


Was erwarten Studierende der Psychologie von ihrer Diplomarbeit?
What do psychology students expect from their master's thesis?

Heinrich Tröster, Gisela Gundlach & Barbara Moschner

(Summary)

Zusammenfassung

133 Studierende der Psychologie (92 Studentinnen, 41 Studenten), die ihr Vordiplom abgeschlossen haben und mit ihrer Diplomarbeit beginnen wollen, wurden nach ihren Erwartungen an ihre Diplomarbeit und an ihre Betreuer befragt. In den Erwartungen an die Diplomarbeit zeigten sich drei grundlegende, studienbezogene Orientierungen: Studierende mit persönlich-sozialer Orientierung erwarten, mit ihrer Diplomarbeit zur Lösung sozialer Probleme beitragen zu können und erhoffen sich durch die Auseinandersetzung mit ihrem Diplomarbeitsthema eine Klärung persönlich bedeutsamer Lebensfragen. Studierende mit wissenschaftlicher Orientierung wollen mit ihrer Diplomarbeit einen Beitrag zur psychologischen Forschung leisten, sich für eine wissenschaftliche Laufbahn qualifizieren und erleben ihre Diplomarbeit als eine persönliche Herausforderung. Studierende mit pragmatischer Orientierung wollen mit einem überschaubaren Aufwand die Prüfungsanforderungen erfüllen und sich mit ihrer Diplomarbeit gezielt auf ihre berufliche Tätigkeit vorbereiten. Studierende, die mit ihrer Diplomarbeit vorwiegend pragmatische Ziele verfolgen, unterscheiden sich in ihrer schulischen und beruflichen Biographie von Studierenden, für die persönlich-soziale oder wissenschaftliche Ziele im Vordergrund stehen. Studierende mit wissenschaftlicher Orientierung zeichnen sich durch eine positive Selbsteinschätzung ihrer Fachkenntnisse aus. In Abhängigkeit von der studienbezogenen Orientierung werden unterschiedliche Erwartungen an die Betreuer der Diplomarbeit gestellt. Studierende mit wissenschaftlicher Orientierung erwarten von ihrem Betreuer vor allem wissenschaftliche Kompetenz. Studierende mit pragmatischer Orientierung wünschen sich eine direktive Anleitung und geringe Anforderungen von ihren Betreuern und lehnen eine nicht-direktive Anleitung ab. Die Ergebnisse werden im Hinblick auf die Anforderungen diskutiert, die sich für die Betreuer der Diplomarbeiten aus den unterschiedlichen Erwartungen der Diplomanden ergeben.

Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, Band 11, 1997, Heft 2, © Verlag Hans Huber, Bern

Summary

Psychology students were asked to report what they expected from their master's thesis and their supervisor. Subjects were 133 psychology students (92 women, 41 men) at a German university who had completed their undergraduate studies and intended to commence their master's theses. Results showed three basic, study-related orientations in expectations regarding the master's thesis: Students with a self-related and a social orientation expected that their master's thesis might contribute to solving social problems, and they hoped that working on the topic would clarify significant personal issues. Students with a scientific orientation wanted their thesis to contribute to psychological research, they wanted to qualify themselves for a scientific career, and they perceived their thesis as a personal challenge. Students with a pragmatic orientation wanted to comply with course demands by exerting a calculable effort, and they viewed their thesis as a purposeful preparation for their professional careers. This group of students had a different academic and occupational biography compared with students who focused on either self-related and social or on scientific goals. Scientifically oriented students gave higher self-ratings on their professional knowledge than the other groups. Expectations regarding their supervisors depended on the study-related orientation: Scientifically oriented students expected greater scientific competence from their supervisor. Pragmatically oriented students differed from the other groups through a stronger desire for direct guidance and fewer demands from their supervisors, and they reported the least interest in nondirective guidance. The results are discussed in terms of the demands that these varying student expectations place on the supervisors of master's theses.

Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, Band 11, 1997, Heft 2, © Verlag Hans Huber, Bern


Studieninteresse und berufliche Orientierungen als Determinanten der studienzufriedenheit
Students' interest and vocational orientation as determinants of study satisfaction

Elke Heise, Rainer Westermann, Kordelia Spies & Angelina Schiffler

(Summary)

Zusammenfassung

Auf der Grundlage der pädagogisch-psychologischen Interessentheorie sowie Hollands Person-Umwelt-Modell der beruflichen Orientierungen wurde der Zusammenhang zwischen dem Interesse von Studierenden und ihrer allgemeinen Studienzufriedenheit untersucht. An einer Stichprobe von 331 Studierenden verschiedener Fächer zeigte sich, daß unterschiedliche Aspekte der Studienzufriedenheit jeweils aus unterschiedlichen Interesseaspekten vorhergesagt werden können. Während für die Zufriedenheit mit den Studieninhalten insbesondere das fachspezifische Interesse bedeutsam ist, hat für die Zufriedenheit mit den Studienbedingungen das Ausmaß, in dem das Angebot im Studium mit den beruflichen Orientierungen der Studierenden übereinstimmt, eine stärkere Vorhersagekraft. Die Zufriedenheit mit der Bewältigung von Studienbelastungen wird dagegen nur in geringem Ausmaß durch Interessefaktoren aufgeklärt. Hinsichtlich der Bedeutsamkeit der einzelnen Interessefaktoren zeigen sich charakteristische Fächerunterschiede.

Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, Band 11, 1997, Heft 2, © Verlag Hans Huber, Bern

Summary

Based on subject-matter-related interest as a concept in educational psychology, and Holland's person-environment model of vocational orientation, the relation between students' interest and the satisfaction with their studies was investigated. A questionnaire was given to 331 university students of different subjects. The results show that different aspects of study satisfaction can be predicted from different aspects of interest. The best predictor for the satisfaction with studied subjects is the subject-matter-related interest, whereas satisfaction with studying conditions is better predicted by the fit between the students' vocational orientations and the corresponding opportunities provided by the university. The students' satisfaction with their ability to cope with stress can only be explained to a low degree by interest factors. The importance of interest factors for the prediction of study satisfaction differs between studied subjects.

Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, Band 11, 1997, Heft 2, © Verlag Hans Huber, Bern


wwwadmin@hanshuber.com, 30. Juni 1997