Universität Gießen
Im Rahmen eines gemeinsam mit einem Verkehrsbetrieb durchgeführten Projekts wird die «Theory of planned behavior» (TOPB) mit dem Ziel angewandt, Ansatzpunkte zur Attraktivitätssteigerung des regionalen Busangebots zu ermitteln. Dazu wurde eine Bevölkerungsstichprobe (N=3.105) des Landkreises Gießen zu ihrem Verkehrsmittelnutzungverhalten befragt.
Aufgrund der zentralen Modellvariablen «Einstellung», «Norm», «wahrgenommene Verhaltenskontrolle» und «vergangenes Nutzungsverhalten» lassen sich in der vorliegenden Untersuchung 70 Prozent der Varianz in der Intention, alltäglich unternommene Wege zukünftig mit dem Verkehrsmittel Bus zurückzulegen, vorhersagen.
Weiter wird gezeigt, daß eine Anwendung der TOPB im Kontext praktischer Planungsfragestellungen die theoriegeleitete Entwicklung und empirische Testung von Zusatzannahmen voraussetzt. Diese Zusatzannahmen sollten in der Lage sein, eine Brücke zwischen den unabhängigen Konstrukten der TOPB und den Interventionsmaßnahmen, die dem/der Praktiker/in zur Verfügung stehen, herzustellen. Für das Anwendungsproblem «Beeinflussung der Verkehrsmittelwahl» werden solche «Brückenannahmen» mittels Expertenrating abgeleitet.
Dabei zeigten die Analyseergebnisse in der Gruppe der augenblicklichen Autonutzer/innen, daß die objektiven Verbesserungen von nutzerrelevanten Einzelaspekten des Bussystems alleine wahrscheinlich nicht ausreichen werden, Autonutzer in stärkerem Ausmaß zum Umstieg auf das umweltverträglichere Verkehrsmittel Bus zu bewegen. Die Bewertung des Busangebots scheint in der Gruppe der Autonutzer/innen eher auf negativen Stereotypen zu beruhen, denn auf Wissen über die Qualität des aktuellen Busangebots.
Diese Ergebnisse müssen von den Verkehrsbetrieben viel stärker als bisher berücksichtigt werden. Die Verkehrsbetriebe gehen implizit davon aus, daß es sich bei den Autonutzern/innen um Verkehrsmittelnutzer/innen handelt, die jede Veränderung des Busangebots wahrnehmen und darauf reagieren.
Um das routinisierte Entscheidungsverhalten der Autonutzer/innen zu durchbrechen, scheinen aktive, kundenorientierte Kommunikations- und Werbestrategien genauso wichtig zu sein wie Maßnahmen zur objektiven Attraktivitätssteigerung des Busangebots.
Zeitschrift für Sozialpsychologie 26, 1995, Heft 4, S. 243-262 © Verlag Hans Huber, Bern
In cooperation with a public transportation company a research-project was conducted to find out policy recommendations which are able to motivate people to voluntary use the bus system as a transportation means instead of a privately owned car. A model of the determinants of the individual bus-using behavior is tested by means of a survey among a representative sample (N=3.105) of the population of the rural district of Gießen. The theoretical core of this model is the (TORA). In the present study, the central model constructs «attitude», «subjective norm», «perceived behavioral control» and «past behavioral frequency» can explain 70 percent of the variance of the construct «intention, to use the bus system as a mode of travel for daily means».
The study shows, too that before the TOPB can be applied in the context of practical traffic planning a theory driven development and empirical test of so called «bridge-assumptions» is needed. These assumptions are needed to «bridge» the gap between the independent constructs of the TORA and the intervention-measurements, which can be used by the practitioners, to influence the travel mode of the people. Using the method of expert-ratings in the present study such «bridge-assumptions» are derived for the bus-using behavior.
The results of the subgroup-analysis of the actual car-user show that the objective amelioration (improvement) of important aspects of the bus-system alone will probably not be sufficient to motivate car-users to change to the more ecological transportation method of the bus. In the car-user group the assessment of the bus as a viable transportation method seems to rely more on negative stereotypes than on actual knowledge about the quality of the bus-system.
Zeitschrift für Sozialpsychologie 26, 1995, Heft 4, S. 243-262 © Verlag Hans Huber, Bern
Universität Mannheim
In der Forschung zur Personenwahrnehmung wurde gezeigt, daß Urteile über eine Zielperson, die sich ambivalent verhält, durch vorherige Aktivierung («Priming») anwendbarer positiver bzw. negativer Persönlichkeitsmerkmale in die entsprechende Richtung beeinflußt werden können. Dieses Paradigma wurde in
einem Persuasionsexperiment umgesetzt: Vpn lasen zunächst kurze «Zeitungsartikel», die die Dimensionen «Sachverstand» oder «Eigennutz» aktivierten (uV Priming). In einem angeblich unabhängigen Experiment lasen sie danach starke oder schwache Argumente (uV Qualität der Argumente) für eine Fluoridierung des Trinkwassers, die von einem Chemiker vorgebracht wurden. Über diesen Kommunikator wurden zuvor Informationen gegeben, die insofern ambivalent waren, als sie seine Kategorisierung als «sachverständig» oder «eigennützig» zuließen. Als abhängige Variablen wurden Einstellungen zur Fluoridierung, kognitive Reaktionen auf die Botschaft und Urteile über den Kommunikator erfaßt.
Bei Priming der Dimension «Sachverstand» wurden nahezu alle abhängigen Variablen von der Qualität der Argumente stärker beeinflußt als bei Priming von «Eigennutz»: Wenn «Sachverstand» aktiviert war, wurde die Botschaft eher systematisch verarbeitet, und dem Kommunikator wurde mehr Sachverstand zugeschrieben, wenn er starke Argumente vorbrachte, als wenn er schwach argumentierte; nach Priming der Dimension «Eigennutz» waren Einstellungen und Urteile über den Kommunikator von der Qualität der Argumente unabhängig. Die Ergebnisse werden im Rahmen neuerer Prozeßtheorien der Persuasion diskutiert.
Zeitschrift für Sozialpsychologie 26, 1995, Heft 4, S. 263- 271 © Verlag Hans Huber, Bern
Research on person perception has shown that judgments about a target person who displays ambiguous behavior can be influenced by previously primed concepts. This paradigm was used in a persuasion study: Subjects read short texts, ostensibly newspaper articles, that were composed to prime either competence or selfishness. In an ostensibly independent second study, subjects read an article that argued in favor of a fluoridation of drinking-water in Germany with either strong or weak arguments that were attributed to a chemist. Information about this chemist were ambiguous insofar as they allowed to categorize him as either competent or selfish. Dependent variables were attitudes to fluoridation, cognitive responses to the message, and judgments about the communicator. When competence had been primed, nearly all dependent measures were influenced more strongly by argument quality than when selfishness had been primed. In the competence priming condition, subjects processed message content systematically and attributed greater competence to the communicator when argumentation was strong rather than weak. In the selfishness priming condition, attitudes to fluoridation and judgments about the communicator were independent of argument strength. Results are discussed referring to recent dual process models of persuasion.
Zeitschrift für Sozialpsychologie 26, 1995, Heft 4, S. 263- 271 © Verlag Hans Huber, Bern
Universität Trier
Die eingeschränkte Ansprechbarkeit politischer Extremisten und die mit (den meisten) wissenschaftlichen Erhebungen verbundene Aufmerksamkeitszuwendung sind Faktoren, die direkte empirische Analysen der Ausländerfeindlichkeit erschweren. In der vorliegenden Studie wurde ein indirekter Untersuchungsweg beschritten. Empirisch analysiert wurden die subjektiven Erklärungsmuster für die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland in einer Stichprobe von 341 Erwachsenen sowie die damit verbundenen sozialen Orientierungslagen. Erfaßt wurden neben der persönlichen Meinung zur Erklärbarkeit der Ausländerfeindlichkeit durch (1) Vorurteile und Bedrohungskognitionen, (2) autoritäre Persönlichkeitsmerkmale, (3) (sozio-)biologische Hypothesen, (4) die Hypothese der Problemverschiedung sowie (5) Massenmedien- und Politikereinflüsse auch die dazu bei der Mehrheit der Deutschen vermutete Meinung. Unterschiedliche Indikatoren der subjektiven Bewertung des Problems der Ausländerfeindlichkeit und der Befürwortung unterschiedlicher Maßnahmen gegen sie wurden zusätzlich erhoben. Die Befunde weisen darauf, (1) daß Ausländerfeindlichkeit persönlich vor allem anhand von autoritären Persönlichkeitsmerkmalen, Medien- und Politikereinflüssen sowie der Hypothese der Problemverschiebung erklärt wird, (2) daß bei der Mehrheit der Deutschen vor allem auch Erklärungen durch Vorurteile und Bedrohungskognitionen sowie soziobiologische Argumentationen vermutet werden, (3) daß unter Bezug auf Aspekte der objektiven und subjektiven Konformität in den Erklärungsmustern die Befragten in großem Umfang fehlerhafte soziale Orientierungslagen (d. h., vermeintlich konforme/«false consensus» oder vermeintlich abweichende/«false non-consensus») aufweisen und (4) daß die Befürwortung unterschiedlicher Maßnahmen gegen die Ausländerfeindlichkeit anhand der persönlichen Erklärungen für sie und der subjektiven Problembewertung vorhergesagt werden kann. Die Ergebnisse werden unter Bezug auf die Anwendbarkeit der verwendeten Methode zur Analyse sozialer Kognitionen sowie die Ergiebigkeit indirekter Forschungszugänge zu Phänomenen des politischen Extremismus diskutiert.
Zeitschrift für Sozialpsychologie 26, 1995, Heft 4, S. 272-284 © Verlag Hans Huber, Bern
The restricted recruitability of politcal extremists as well as negative effects of attention focusing on them by research hinder direct empirical analyses of hostility and violence toward foreigners. Therefore, in the study presented an indirect research strategy was employed. Empirically analyzed were the subjective explanations (causal attributions) for hostility toward foreigners in West Germany and related social cognitions in a sample of 341 German adults. Besides personal evaluations of the explicability of hostility toward foreigners by (1) stereotyped attitudes and cognitions of threatening, (2) authoritarian personality traits, (3) sociobiological hypotheses, (4) the hypothesis of shifting general social problems to the responsibility of foreigners, and (5) effects resulting from presentations in mass media and politics the supposed opinions on these topics of most of the Germans were measured. Different indicators of subjective problem severity as well as of agreement to state and personal actions against hostility toward foreigners were assessed in addition. Results show, (1) that hostility toward foreigners is attributed personally mainly to authoritarian personailty traits, mass media and politicians effects, and the hypothesis of social problem shifting, (2) that for most of the Germans attributions to stereotyped racial and ethnic attitudes as well as to sociobiological arguments are supposed, (3) that - with reference to the aspects of objective and subjective conformity - most of the social cognitions on the explicability of hostility toward foreigners of the subjects are wrong (i. e., only supposing to be conform to or supposing to disagree with the majority-«false consensus effect» and «false non-consensus effect»), and (4) that the agreement to different state and personal actions against hostility toward foreigners can be predicted by personal causal attributions of hostility toward foreigners and subjective evaluations of problem severity. The discussion refers to the usefulness of the research method employed for analyses of social cognitions and the productiveness of indirect research approaches to political radicalism.
Zeitschrift für Sozialpsychologie 26, 1995, Heft 4, S. 272-284 © Verlag Hans Huber, Bern
Universität Mannheim
Ausgehend von dem Prototypenansatz, nach dem sich Merkmale einer Kategorie in ihrer Zentralität unterscheiden, wurde in zwei Untersuchungen der Frage nachgegangen, wie das Wissen um verschiedene, in ihrer Zentralität variierende Merkmale einer guten Paarbeziehung die Beurteilung solcher Beziehungen beeinflußt.
In Untersuchung 1 wurden 100 männlichen und weiblichen Vpn Beschreibungen von Paarbeziehungen präsentiert. Diese Beziehungen waren entweder mit zentralen oder peripheren Konzeptmerkmalen beschrieben, die in der Beziehung vorhanden waren oder aber fehlten. Erwartungsgemäß wirkten sich fehlende zentrale Merkmale negativer auf die Beziehungsbeurteilungen aus als fehlende periphere. Vorhandene zentrale Merkmale aber führten nicht konsistent zu positiveren Beurteilungen als vorhandene periphere. Die Ergebnisse werden vor dem Hintergrund der unterschiedlichen kognitiven Verfügbarkeit zentraler und peripherer Merkmale diskutiert.
In Untersuchung 2 beurteilten 91 Personen ihre eigene Paarbeziehung mit 32 Merkmalen guter Paarbeziehungen, die in ihrer Zentralität variierten. Außerdem wurde ihre Beziehungszufriedenheit erhoben. Ergebnisse einer schrittweisen multiplen Regression zeigen, daß 70% der Varianz der Beziehungszufriedenheit durch nur fünf Prädiktoren erklärt wird, von denen vier als zentral bezeichnet werden können.
Zeitschrift für Sozialpsychologie 26, 1995, Heft 4, S. 285-293 © Verlag Hans Huber, Bern
According to prototype theory characteristics of a category can be distinguished in respect to centrality. In two studies we were interested how the knowledge of different characteristics of couples' relationships, which varied in their centrality, influences evaluations of these relationships.
In study I 100 male and female subjects were presented descriptions of couples' relationships. These relationships were described either by central or by peripheral features which were present in the respective relationship or which were missing. As expected missing central features affected the evaluations more negatively than missing peripheral features did. However, present central features did not consistently lead to more positive evaluations than present peripheral ones. Results were discussed in respect to differing cognitive availability of central and peripheral features.
In study II 91 subjects evaluated their own relationships by using 32 features of good relationships which varied in centrality. Additionally, we assessed relationship satisfaction. According to a stepwise multiple regression analysis just five predictors explain 70% of the criterion (relationship satisfaction). Four of these five predictors are central features of good relationships.
Zeitschrift für Sozialpsychologie 26, 1995, Heft 4, S. 285-293 © Verlag Hans Huber, Bern
Universität des Saarlandes und Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung
Die Studie versteht sich als Beitrag zur Entwicklung eines Person x Umwelt-Inkongruenz Konzeptes. Sie analysiert Expertenurteile (Städteplaner und Politiker) städtebaulicher Umwelten und strebt damit ein sozial- und umweltpsychologisch orientiertes Verständnis von Planungsprozessen an. Auf Grundlage bereits vorliegender Studien, welche auf eine Unabhängigkeit von Umweltbewertung einerseits und Beurteilung der Relevanz bewerteter Aspekte andererseits hinweisen, wird ergänzend die spezifische Perspektive beleuchtet, die Experten auf - von ihnen mehr oder weniger beeinflußte - Umweltaspekte haben. Eingeführt werden die Dimensionen «Möglichkeiten zur Einflußnahme» sowie «commitment», operationalisiert als Verantwortlichkeit für den status quo und Beteiligung an seiner Genese. 61 Experten aus einer ost- («commitment» gering) und einer westdeutschen Stadt («commitment» hoch) beurteilen Beeinflussungsmöglichkeiten städtebaulicher Merkmale auf einem 50 Items umfassenden Fragebogen. Die erwarteten Zusammenhänge werden regressions- und varianzanalytisch geprüft. Insgesamt, besonders aber für zufriedenstellende Umweltaspekte reklamieren Politiker dann, wenn sie Beeinflussungsmöglichkeiten (re-)präsentieren, auch Beteiligung am Zustandekommen des aktuellen Zustandes. Erwartungsgemäß werden wichtige Umweltaspekte als beeinflußbarer angesehen als weniger wichtige. Experten mit höherem «commitment» (West) (re-)präsentieren weniger Beeinflussungsmöglichkeiten bei nicht zufriedenstellenden Umweltaspekten als Experten mit geringerem «commitment» (Ost), was ebenfalls den Erwartungen entspricht. Die Ergebnisse bestätigen, daß Konzepte zum sozialen Urteil zur Analyse der Resultate umweltgestalterischer Prozesse herangezogen werden können, und beleuchten (Re-) Präsentationsstrategien professionell involvierter Personen.
Zeitschrift für Sozialpsychologie 26, 1995, Heft 4, S. 294-303© Verlag Hans Huber, Bern
The study aims at developing a person x environment incongruence concept. Experts' (city planners and politicians) evaluation of urban environments is studied in order to develop an understanding of planning processes based on social psychological and environmental psychological concepts. On the basis of studies indicating an independence of evaluating environments and evaluating the importance of respective categories, the specific perspective of experts more or less responsible for urban planning is analysed. To operationalize important aspects of experts' perspectives, the dimensions «possibility for impacts» and «commitment» (responsibility for status quo and its development) are introduced. 61 city planners from an East German town (commitment low) and a West German town (commitment high) evaluate possible impacts on urban environments on a 50-item questionnaire. The expected interrelations are tested by regression analysis and analysis of variance. Politicians generally claim responsibility for the status quo in case they (re-)present opportunities for impact; this is especially pronounced in case of positively evaluated states. As expected, important aspects are evaluated as being more likely to be influenced. Experts with high commitment (re-)present less opportunities to influence dissatisfactory urban environments than their colleagues with low commitment, what has been expected, too. Focussing (re-)presentations of experts, the results indicate that considerations on social judgement may be consulted in analyzing environmental planning.
Zeitschrift für Sozialpsychologie 26, 1995, Heft 4, S. 294-303 © Verlag Hans Huber, Bern